Die Missstände in der Schweizer Bildungspolitik aus der Sicht eines ehemaligen Gymnasiasten

Die Schuldbildung als Lebensgrundlage des Menschen ist hierzulande in letzter Zeit stark vernachlässigt worden. Ein Augenschein aus der Sicht eines ehemaligen Gymnasiasten und seine Bewegung, das Projekt Cabo Ruivo zu starten, zeigt, was sich hinter den Mauern von Mittelschulen wirklich abspielt.

Mehr Selbstdarstellung als Bildungsvermittlung

Bevor ich mit dem Schreiben dieser Blogbeiträge begann, besuchte ich selbst ein Gymnasium, aus Promotionsgründen länger als das im Gesetz verankerte Minimum. Den Namen meiner Schule gebe ich übrigens nicht bekannt, um ja niemanden zu brüskieren. Okay – wenn die Zielpersonen wüssten, wie viele Facebook-Status (ja das ist die Mehrzahl von Status – weiss ich NICHT aus der Schule, sondern aus irgend einer Quizsendung im TV, Anm. d. Autors) ihnen schon gewidmet würden… Dieser Online-Walk of Shame ist nämlich recht ansehnlich.
Nach der Sekundarschule betrat ich mit gewissen Erwartungen das idyllisch in einer Hanglage am Fusse der Mythen gelegene Gebäude, das sich markant über seiner Standortgemeinde erhebt, ja sogar mit einer Kuppel ausgestattet ist. Mit Erwartungen, die sich im Laufe der Zeit in Luft auflösten. Die Schule war vielmehr eine Selbstdarstellung gewisser Individuen als ein Bildungstempel. Aufgrund der erst auf das Jahr 2012 geänderten Maturitätsverordnung existierte während meiner ach so aufstrebenden Mittelschulkarriere folgende Rangordnung in diesem grossen gelben Haus, in dem die „Schule“ – sofern man diese Institution so nennen darf – untergebracht war: Zuerst kamen die Sprachen (Deutsch, Französisch, Englisch), danach der Sportunterricht, Philosophie und Geschichte und sonstiges Beigemüse, erst am Ende durften sich die naturwissenschaftlichen Fächer (Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Geografie) noch die Brosamen des Bildungskuchens aufpicken. Der Chemielehrer – heute pensioniert – war der wohl intelligenteste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist. Im Gegensatz zu anderen Lehrern, die gerne mit ihrem angeeigneten Wissen prahlten, war ihm das egal, er plapperte munter drauflos, auch wenn der Inhalt in keinster Weise einen Zusammenhang mit dem zu behandelnden Stoff stand. Hätte er wohl ein bisschen mehr Selbstbewusstsein gehabt und wenn er sich nicht mehr wie Gabi Huber gekleidet hätte, wäre er der ideale Kandidat für Wer wird Millionär? gewesen, der Günther Jauch oder Claudio Zuccholini die Kohle regelrecht aus dem Portemonnaie gezogen hätte. Auch seine Zerstreutheit und sein Sinn für Ordnung dürfen nicht unerwähnt bleiben – arschcool dieselbe Lektion unterrichten wie letzte Woche oder das Sortieren von Stiften – alles gesehen. Aber bald wars fertig mit dem Spässchentreiben…

Mit Lernen erreicht man mehr als mit Intelligenz

Eine wunderbare Aufgabe für die Selbstdarsteller am Lehrerpult...

Den grössten Teil der Pädagogen machten jedoch die wohl Gescheiterten aus, die ihr Studium in der Hoffnung auf eine Weltkarriere in ihrem Gebiet angetreten haben und sich dann in einem Meer von Gleichgesinnten (und auch Besseren) befunden haben. Tja, Rückschläge sind halt schwer zu verarbeiten… und schon landet man in der Provinz.
Zahlreiche dieser „Erzieher“ waren nicht mal mit der Fähigkeit gesegnet, unterrichten zu können. Den Sachverhalt erklären war für sie ein Fremdwort – auf Fragen von Seiten der Schüler wurde meist mit mildem Lächeln geantwortet, dass der Schüler das schon können wird. Bei den Prüfungen sah das meist anders aus, aber stattdessen mal selbst über die Bücher zu gehen und sich eines Besseren zu belehren, gab es in den Augen der Lehrer sowieso nur einen Schuldigen im Desaster: Den Schüler selbst. Würfen diese Damen und Herren mal selbst einen Blick in den Spiegel, würden sie sich wohl sogleich in einem Gruselkabinett irgend eines hässlichen Vorstadtzirkus‘ wähnen: Die Geometrie des Kopfes des Einen erinnert an SpongeBob, diejenige eines anderen an die nicht gerade mit atemberaubender Schönheit versehene Herr der Ringe-Gestalt Gollum, ein dritter rasiert sich eine Weltkarte ins Gesicht – stehengebliebene Barthaare mit einer geschätzten Länge von etwa einem halben Meter im Gesicht spriessen um den rasierten Bereich wie sich Ozeane an die Kontinente schmiegen, so dass ein Vergleich mit einer Katze nicht mehr ganz so abwegig scheint. Auch gewisse Damen der Schöpfung sollten eher auf den Miss Bildung– oder Miss Erfolg-Wettbewerben anzutreffen sein.
Gescheitert sind in Mittelschulen auch reihenweise eigentlich intelligente Menschen, nur weil sie halt nicht dazu geboren waren, ihre Nase stundenlang in ein Buch zu stecken, das in trockenen und absolut unpackenden Worten den Unterricht, den der Lehrer eigentlich selbst vermitteln müss(t)e, erläutert. Andererseits schreiben Schüler, die beispielsweise nicht mal einen Billetautomaten bedienen können oder keinerlei Selbständigkeit im täglichen Leben aufweisen, Bestnoten. Traurige Fakten, die mich zu einem ebenso traurigen Fazit bringen lassen: Mit Intelligenz erreicht man weniger als mit Lernen. Das ist sicherlich nicht der Sinn eines Gymnasiums. Und da fragt sich die Gesellschaft noch, weswegen zahlreiche Jugendliche im Drogensumpf enden oder sich eine Kugel in den Kopf knallen – weil das Leben keine Perspektive für sie findet. Man wird aufs Gymnasium geschickt, weil der elitäre Gedanke in unserer Gesellschaft verankert ist, weshalb sich der Gescheiterte als minderwertig ansieht. Die duale Bildungsstrategie versucht genau dies zu vermeiden, kann den Elitegedanke jedoch nicht aus der Welt schaffen. Im Gegenzug ist aber auch unfair, dass Gymischüler vor allem von Seiten von Berufsgelehrten das Image von Möchtegern-Chefs haben und von diesen als arrogant und eingebildet angesehen werden – schon mal dran gedacht, dass diese auch etwas Neues von der Pike auf erlernen möchten und nicht Vorsitzender spielen wollen? Nur weil man jetzt halt die Flächen eines Grundstückes mit den erlernten Formeln berechnen will, muss man nicht zusammengestaucht werden, nur weil das CAD-Programm das gewünschte Resultat mit einem Klick ausspuckt.

Die Macht gleitet aus ihren Händen

Den Selbstdarstellern merkt man zudem ihre geschundene Seele an. Oftmals machen sie aus einer Bagatelle wortwörtlich die Mücke zum Elefanten, nur um ihre Macht demonstrieren zu können – ungeachtet der zahlreichen Widersprüche in den Ausführungen zu den Vorfällen. Im Gegenzug werden gegenüber den wahren Problemen die Augen verschlossen – die richtigen Übeltäter kommen stets ungeschoren davon oder werden vor Sanktionen gar noch geschützt. Auch bei Schwierigkeiten innerhalb der eigenen Mauern werden niemals Massnahmen getroffen – die Hauptschuld trifft stets den Schüler, auch wenn sich die Vorfälle wiederholen. Es dürfen sogar Lehrer unterrichten, die wegen Unlösbarkeit von Maturaaufgaben vor Gericht gezogen werden, nur um die ganze Geschichte einige Jahre später zu wiederholen.
Auch die Vorgehensweise gewisser Sprachlehrer lässt zu wünschen übrig. Der mehrjährige Französischunterricht war vielmehr eine Plauschgruppe – doch gilt es an der Matura plötzlich ernst. Sehr plötzlich. Das Wasser, in das man hineingeworfen wird, ist kalt. Eiskalt. Scheisskalt. Brr! Gottverdammmichnochmalistdasgottverdammtewasserscheisskalt!
Man möchte meinen, dass es bei dieser um den Doktortitel in französischer Literatur geht. Ganze Sätze aus meinem Mund? Fehlanzeige, obwohl ich dies nach einem Sprachaufenthalt in der Romandie noch halbwegs zu meinen Fähigkeiten zählen konnte. So schnell verlernt man und es wird einem wieder vor Augen geführt, die vergänglich das Leben doch ist.
Selbstverständlich darf auch der Clown-Lehrer schlechthin nicht fehlen, sexuell anzügige Redewendungen eingeschlossen.
Auch die ach so wichtigen Aufsätze sind nichts Anderes als eine vollkommene Farce. Der Fantasie des Schülers werden durch einen ganzen Vorgabenkatalog enge Grenzen gesetzt, die es fast unmöglich machen, seine Schreibfähigkeit zu zeigen. Weil mir genau ein Mangel an dieser attestiert wurde, startete ich mit einer Wut im Bauch das Cabo Ruivo-Projekt und dachte nun, dass es langsam an der Zeit wäre, mal ein Auge in die so genannte höhere Bildung zu werfen. Ich hoffe nur, dass mein Auge eine relativ sanfte Landung auf der kargen Mondlandschaft haben wird, denn ich benötige es weiterhin zum Sehen.
Selbstverständlich war meine Schule auch sehr nachhaltig und legte besonderen Wert auf den Umweltschutz. Dem Schüler wurde mittels Zettel aufgezeigt, wie viel Liter Wasser die Toilettenspülungen pro Jahr verbrauchen. Aha. Sehr interessant. Soll ich deshalb nur noch nach jedem dritten Geschäft spülen, um das Wasser zu sparen, das bei einem Physikexperiment dann auf dem Boden des Schulzimmers „ausgebreitet“ wird? Auf die Idee, bei der Sanierung die undichten Fenster zu ersetzen, die für einen miserablen Wärmeaustausch verantwortlich sind, kam jedoch (natürlich) niemand. Oder mal den Damen und Herren Lehrerkollegen nahezulegen, den einhundert Meter langen Fussweg vom Eigenheim zur Schule mal mit Schusters Rappen statt mit dem Wagen zurückzulegen – darauf kann man noch Jahrtausende warten. Der Klimawandel existiert ja eh nur auf den uralten kopierten Arbeitsblättern und den ebenso uralten Filmen – noch mit dem Fernsehen DRS-Schliessmuskel versehen (!) – des Geografielehrers.

Das Desaster fängt schon in der Orientierungsstufe an

Doch alleine den Gymnasien die Schuld für das kollektive Versagen zu geben, wäre ungerecht. Das Problem beginnt schon in der Orientierungsstufe, Sekundarstufe oder Oberstufe – wie diese zwei bis vier Schuljahre nach der Primarschule je nach Kanton auch offiziell heissen mögen. Gewisse Schulen sind bei Gymnasien mit dem Vorurteil von ungenügenden Schülern behaftet – was sich im Verlaufe bis zur Maturitätsprüfung oftmals auch bewahrheitet. Aber die Schulträger schauen in Gottes Namen leider auf das liebe Geld, weswegen das Grundlegende vernachlässigt wird. Auch hier sind ideale Lehrer Mangelware – wie soll denn der Schüler die französische Sprache erlernen, wenn der Fachlehrer dieser noch weniger mächtig ist. Übel ist auch, wenn im Mathematikunterricht der grösste Wert darauf gelegt wird, wie viele Häuschen jetzt die grüne Linie vom Blattrand entfernt ist – und wehe, sie wird rot gemacht! Noten, welche das Ausmalen von Flächen bewerten, haben vielleicht noch in den ersten zwei Primarklassen ihr Existenzrecht, aber gewiss nicht bei 13- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schülern! Wie wäre es mal, wenn der Fokus auf die Bildung gelegt wird? Lehrer, die mit ihrer Arbeit schlicht und einfach überfordert sind, haben auf keiner Schulstufe was zu suchen. Das Geld zum Aufziehen von unehelichen Kindern kann man auch in einer anderen Branche verdienen!
Viele beschweren sich, weil zahlreiche Fachleute aus dem Ausland kommen und die armen Schweizer Universitätsabsolventen ihrer ach so verdienten Arbeitsstellen berauben. Vielleicht liegt es daran, dass Fachkräfte aus dem Ausland besser ausgebildet sind als wir!

Das Studium holt jedermann und jederfrau auf den Boden zurück

In der Schulzeit kommt es auf die absoluten Zahlen an. Wer genügende Noten erreicht hat, ist durch – wer nicht – Pech gehabt! Ungeachtet seiner Intelligenz, seiner Fähigkeit, selbständig sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden – wenn er die Noten nicht hat, ist er durchgefallen.
Spätestens beim Studium kommen auch diejenigen zur Welt, welche sich in der Schulzeit durchzumogeln und durchzuschlängeln wussten.
Dann wünsche ich mal viel Spass.

Die Missstände in der Schweizer Bildungspolitik aus der Sicht eines ehemaligen Gymnasiasten
War dieser Beitrag hilfreich? Dann unterstützen Sie doch Cabo Ruivo mit einer kleinen Spende oder einem Facebook-Like!

One Comment

on “Die Missstände in der Schweizer Bildungspolitik aus der Sicht eines ehemaligen Gymnasiasten
One Comment on “Die Missstände in der Schweizer Bildungspolitik aus der Sicht eines ehemaligen Gymnasiasten
  1. Pingback: Wieso ein JA zum Bundesbeschluss über die Jugendmusikförderung? | Cabo Ruivo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.