Die erschreckendsten Tötungsdelikte der Schweiz

Auch wenn die Schweiz den Anschein eines friedlichen Landes hat, gibt es auch hier Menschen, welche in negativem Sinne aus der Masse ausscheren und andere Mitmenschen ihres Lebens berauben. Die Spannweite ist breit gestreut, von Amokläufen über Schusswaffen-Morde bis hin zu Sektentötungen hat sich schon alles innerhalb der helvetischen Grenzen abgespielt. Die Gründe sind ebenso breit gestreut – aus Frust, psychischer Überlastung bis hin zu rassistischen und gesellschaftlichen Motiven hat schon mancher Übeltäter zur Waffe gegriffen. Cabo Ruivo zeigt die erschreckendsten Tötungsdelikte der Schweiz.

Leibacher und Tschanun: Amokläufe und Attentate als verheerendste Beispiele

Auch Amokläufe und Attentate haben sich in der Schweiz schon ereignet. Das erschreckendste Delikt ereignete sich wohl unbestritten im September 2001, als wegen einer Bagatelle Friedrich Leibacher im Zuger Kantonsratssaal 14 Personen erschoss, ehe er sich selbst richtete. Viel zu reden gab auch der Fall des Günther Tschanun vom 16. April 1986 – der als Chef der Zürcher Baupolizei tätige Architekt erschoss aufgrund einer psychischen Notlage vier Personen an seinem Arbeitsplatz und verletzte einen weiteren lebensgefährlich. Tschanuns Fall sorgte auch in Anbetracht der Ursachen für Aufsehen: Als er 1984 sein Amt antrat, befand sich die Baupolizei in einem Umbruch, was in Form von Personalknappheit besonders zu spüren war. Dazu kam auch der Druck von Seiten des Zürcher Stadtrates, was zu in den Medien ausgetragenen Disputen zwischen Tschanun und seinen Mitarbeitern führte. Diese Differenzen endeten in einer Bluttat des Chefs, der am Arbeitsort im Amtshaus IV zwischen Urania-Sternwarte und dem Limmatufer ab 8:37 Uhr innert zehn Minuten die vier Personen erschoss, die seiner Meinung nach für sein Elend verantwortlich waren und einen fünften, seinen Vorgesetzten, schwer verletzte. Nach der Tat flüchtete Tschanun, wurde aber drei Wochen später in Frankreich gestellt und 1988 zu 17 Jahren, 1990 gar zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt – im Jahre 2000 nach 14 Jahren jedoch wegen guter Führung entlassen. Gemäss des Zürcher Obergerichts trugen auch die Opfer und der Stadtrat aufgrund der grossen Belastung – Tschanun leistete teilweise ein Arbeitspensum von bis zu 86 Stunden pro Woche – eine Teilschuld. Das Lausanner Bundesgericht attestierten Tschanun jedoch Überforderung und keinen Einfluss dieser Mobbing-Theorie auf die Tat, weswegen er 1990 in zweiter Instanz drei zusätzliche Jahre aufgebrummt bekam. Heute soll der gebürtige Österreicher weiterhin in der Schweiz leben, jedoch unter anderem Namen. 2010 diente die Geschichte als Grundlage für den Episodenfilm 180° – Wenn deine Welt plötzlich Kopf steht.
Das Thema Mobbing am Arbeitsplatz ist heute noch ein brisantes Thema.


Die damalige Zürcher Baudirektorin und spätere SP-Präsidentin und -Nationalrätin Ursula Koch äussert sich über die Tat in ihrem Departement


Bericht des Schweizer Fernsehens zu Tschanuns Tat


Schalttag – Die unfassbare Bluttat des Günther Tschanun – Dokumentarfilm aus dem Jahre 1998 (Dauer: ca. 65 min)

Weitere Amokläufe wie in der UBS-Filiale am Tessinerplatz in Zürich-Enge erschütterten die Schweiz und die Erinnerungen an Leibacher und Tschanun kamen wieder hoch. Auch auf dem Land ereigneten sich solche unverständlichen Taten – 2004 beispielsweise erschoss in Escholzmatt/LU ein Landwirt seine gesamte Familie und den Sozialvorsteher der Gemeinde. Auch private Gründe sorgen oftmals für solch schreckliche Konsequenzen, wie am 4. März 1992 in Rivera/TI, wo ein Amokläufer mit einer Kalaschnikow sechs Bekannte regelrecht hinrichtete, ehe er wenige Tage später in seiner Gefängniszelle Suizid verübte.
Egal ob solche Taten aus dem Affekt verübt werden – wie es die Definition für den Begriff Amoklauf eigentlich auch versteht – oder ob sie akribisch geplant wurden, die Ursachen und die Folgen sind auf dieselbe Weise verheerend. Leibacher hatte sicher überreagiert – vielleicht hat die Bagatelle auch das Fass zum Überlaufen gebracht, sonstige Faktoren, die in keiner Weise mit dieser Bagatelle und dem Zuger Staatsapparat zusammenhingen, sorgten für die Explosion. Tschanun wiederum sah in seiner Tat die einzige Möglichkeit, die vor allem für ihn belastenden Zustände zu beenden. Wie diversen Berichten zu entnehmen ist, hat der Entschluss zu töten bei ihm eine beruhigende Wirkung – er fühlte sich besser, ähnlich wie bei „angehenden“ Selbstmördern. Ohne Tschanuns Tat hätte der Begriff Mobbing vermutlich nie Einlass in unseren Wortschatz erhalten.
Es gibt auch andere Amokläufer und Attentäter mit anderen Motiven, beispielsweise rassistische und fundamentalistische Gründe, wie wir das zuletzt in den französischen Städten Toulouse und Montauban gesehen haben. Hier ist derselbe Einsatz notwendig wie nach den Tschanun-Morden, um die Ursache für ein derartiges Abdriften in solche Gefilde zu finden. Die von Nicolas Sarkozy ins Spiel gebrachte Überwachung bringt übrigens nichts – einerseits werden die Täter erst vor der Tat aufgespürt und nicht der Keim erstickt, andererseits können falsch verdächtigte Personen auf den Schirm geraten, recherchierende Journalisten beispielsweise. Will man tatsächlich den Keim des Extremismus ersticken, so sind eher psychologische Vorgehensweisen nötig. Vielleicht dass man in den Schulen nicht mehr das Schwarz-Weiss-Denken zwischen dem eigenen und den anderen Völkern den Kindern eintrichtet, so beispielsweise mit den Heldengeschichten der eigenen Wehrmänner. In Frankreich, das zur Zeiten der Kolonialisierung über grosse Gebiete Afrikas, wie Algerien, verfügte, ist dies problematisch, denn wie in Staaten wie Grossbritannien oder Portugal wanderten viele Menschen in Hoffnung auf bessere Perspektiven nach der Unabhängigkeit des Geburtslandes in das ehemalige Mutterland aus, was – wie vergangenen August in Grossbritannien zu spüren – für verheerende Folgen sorgen kann. Die gebürtigen Mutterländler siehen sich Konkurrenz aus den ehemaligen Tochterländern gegenüber, wobei der Hass generationenübergreifend geschürt wird, während sich die Bürger der ehemaligen Kolonien sozialen Missständen gegenüberstehen sehen, weil ihre Zukunft doch nicht so glorreich aussieht, wie zunächst erhofft.
In neuster Zeit sorgten die Schiessereien in Daillon/VS mit drei und in Menznau/LU mit fünf Toten für Bestürzung in der Schweiz. Insbesondere der Amoklauf in einem Holzverarbeitungsunternehmen in Menznau stellte die Bevölkerung vor zahlreiche Fragen nach dem Warum und vor allem nach dem Motiv. Frust am Arbeitsplatz? Familiäre Probleme? Die klärenden Antworten hat der Todesschütze mit in den Tod genommen – er starb während eines Handgemenges mit einem Mitarbeiter der Kronospan an einem Kopfschuss.

Der Brandfall von Rupperswil

Die Weihnachtszeit im aargauischen Rupperswil wurde jäh von einem Mordfall überschattet, als die Feuerwehr am Morgen des 21. Dezembers 2015 zu einem Brand in einem Einfamilienhaus gerufen wurde. Im Haus wurden vier Leichen – eine Mutter, ihre beiden Söhne und die Freundin des Älteren – entdeckt, die Schnittverletzungen aufwiesen. Danach überschlugen sich in der Boulevardpresse die Ereignisse: von später als unschuldig erwiesenen Ehemännern und Lebensgefährten über das Abheben von Geld auf der Bank bis hin zu behandelten Schnittverletzungen in einer Apotheke in Wohlen/AG. Während die Boulevardpresse mutmasste und jegliches Mittel wie ein Interview mit dem Vater der Mutter oder einen Brief über angebliche Verwicklungen in die Gothic-Szene gleich der Öffentlichkeit unter die Nase rieb, agierte die Kantonspolizei Aargau hinter den Kulissen ziemlich erfolgreich, ohne dass die Öffentlichkeit nicht nur einen Hauch Wind davon bekam. Am 13. Mai 2016 informierte sie an einer Pressekonferenz, dass tags zuvor ein 33.-jähriger Student aus Rupperswil festgenommen wurde und der die Tat auch gestand. Als dann der genaue Ablauf der Tat bekannt wurde, nahm das Grauen der Tat eine weitere Dimension an: Unter anderem verging sich der Täter am jüngeren Sohn.

Der ungeklärte Mordfall von Seewen

Im solothurnischen Seewen – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gemeindeteil von Schwyz – wurden am 6. Juni 1976 im illegal errichteten Holzhaus Waldeggli fünf Leichen gefunden, deren Leben allesamt mit Kopfschüssen ausgehaucht wurde. Als Tatwaffe wurde eine Winchester Replica bestimmt, das als Fluchtauto dienende Privatauto der Opferfamilie zwischen Muttenz/BL und Münchenstein gefunden, der Täter jedoch nicht gefasst. Die Ermittlungen konzentrierten sich zunächst aufs Umfeld der Opfer, da es den Anschein machte, dass der Täter ein Bekannter war. Der Sohn zweier der Opfer geriet als erster unter Verdacht, weil er sich Jahre zuvor als Teenager eine schlagkräftige Auseinandersetzung mit seinem Vater geliefert hatte. Nachdem seine Unschuld bewiesen war – er konnte den Besuch einer Vorstellung des Kabarettisten Emil Steinberger als Alibi vorweisen – erzählte er in einem Buch den Mordfall aus der Sichtweise eines Angehörigen.
20 Jahre später wurden bei einer Hausrenovation in Olten/SO von einem Handwerker einen abgelaufenen Pass, Dokumente mit rechtsextremen Inhalten und eine abgesägte Winchester Replica – zweifelsfrei die Seewner Tatwaffe – allesamt in einer Ausbuchtung hinter einer Küchenkombination gelagert. Der Wohnungsinhaber konnte ermittelt werden, er habe sich aber bereits 1977 ins Ausland abgesetzt. Er wurde bereits nach den Morden als registrierter Besitzer einer Winchester Replica befragt, gab damals an, die Waffe auf einem Flohmarkt erstanden zu haben. Ermittlungen von FBI und Interpol konnten keine Hinweise auf seinen Verbleib erbringen, 1998 glaubten Schweizer Touristen, ihn in einem kanadischen Nationalpark gesehen zu haben. Doch die Spur endete, weswegen das Verbrechen auch 36 Jahre nach der Tat ungeklärt bleibt. Eigentlich würde nach 20 Jahren eine Verjährung einsetzen, sie ist in diesem Falle jedoch ausgesetzt, da vielleicht der Täter in vergangener Zeit im Ausland Gefängnisstrafen absitzen muss(te).
Ebenfalls unter Verdacht geriet ein Verwandter der Opfer, welcher aufgrund seiner geringen Körpergrösse und einer hohen Stimme unter Minderwertigkeitskomplexen litt. Sein Motiv wäre möglicherweise die Rache an sicherlich zweier der Toten, da sie ihn in Anlehnung an die gleichnamige Schweizer Kinderfigur Globi genannt hatten. Ein Waffenverkäufer in der Basler Steinenvorstadt glaubte, diesen Verdächtigen – der zeitweise in Haft sass und Mitte der Achtzigerjahre starb – beim Entstehen von Munition für Winchester-Waffen wenige Tage vor der Tat in seinem Laden gesehen zu haben. Als wahrscheinlich wurde eine Komplizenschaft zwischen den beiden Verdächtigen angesehen, zumal der Besitzer der Tatwaffe über keine nachweislichen Verbindungen zu den Opfern verfügte.

Schweiz aktuell zum 35. Jahrestag des Mordfalls von Seewen/SO

Die Sonnentemplersekte

Der Sonnentempler-Orden wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Frankreich gegründet und beriefen sich auf den Templerorden. Die Gründer sahen sich als Reinkarnation Mose oder Osiris‘. Vor allem in frankophonen Staaten schlossen sich etliche Mitglieder der Sekte an. Als Ideale galten Gehorsam, Treue und Geheimhaltung. So wurden Kinder strikt von der Aussenwelt abgeschottet entweder als Messias oder dessen Antipode Antichrist aufgezogen. Zahlreiche Familien wurden getrennt, neue Ehen arrangiert. Jedes der Mitglieder galt als Wiedergeburt einer historischen Persönlichkeit und sollte deren Schulden abarbeiten. Es wurden Familien als „fähig“ auserkoren, den anstehenden Weltuntergang zu überstehen.
Anfänglich wurden die Sonnentempler kaum beachtet, zwar liefen gegen die beiden Gründungsmitglieder Jo di Mambro und Luc Jouret Ermittlungen wegen diverser Delikte wie Waffenschmuggel oder Betrug.
Doch die Eskalation folgte 1994, als den Mitgliedern eingebläut wurde, nach einem kollektiven Tod im System des Sirius‘ wiedergeboren zu werden.
Am 5. Oktober 1994 wurden in Cheiry/FR und Granges-sur-Salvan/VS in zwei ausgebrannten Häusern insgesamt 48 Leichen, die Gründer der Sonnentempler eingeschlossen, entdeckt. Die Toten wurden entweder betäubt, erschossen oder vergiftet, andere töteten sich mit eigener Hand. Vorgefunden wurden sie von der Polizei und den Feuerwehrleuten in kreisförmiger Anordnung – in Anlehnung an die Sonne. Am selben Tag wurden im kanadischen Morin Heights weitere fünf Leichen gefunden, deren Tod im Zusammenhang mit der Lehre der Sonnentempler stand. Die Toten in Morin Heights waren eine dreiköpfige Familie, die aus der Sekte austreten wollte, sowie zwei Killer, die sich nach der Tat richteten. Chronologisch in der Schweiz geschah zuerst das Ereignis in Cheiry, danach fuhren die Sektenoberhäupter nach Granges-sur-Salvan, um dort die zweite Tat zu vollenden und gleichzeitig Suizid zu begehen. 1995 wurden in den französischen Alpen weitere 16 Leichen entdeckt, damals gerieten anfänglich zwei vermissten Polizisten in Verdacht, die Sonnentempler getötet zu haben. 1997 wurden in Kanada weitere fünf Tote gefunden, drei unter Drogen gesetzte Jugendliche konnten lebend geborgen werden.
Während das Verfahren im Kanton Fribourg mit einem Freispruch endete, wurde im Wallis gar kein solches in Angriff genommen. Die genauen Umstände der Morde sind bis heute ungeklärt. Weniger seriöse Medien verloren sich daraufhin in Verschwörungstheorien und besagten, dass der tödliche Autounfall von der monegassischen Fürstin Gracia Patricia alias Grace Kelly im Zusammenhang mit den Sonnentemplern stand, da diese sich in Behandlung bei einem Mitglied befunden habe und dessen Geldforderungen von 20 Millionen Francs nicht nachgekommen sei.


Dokumentarfilm Das Sonnentempler-Drama aus der Reihe SRF DOK: Kriminalfälle vom 03.07.2013. Dauer: ca. 43 min


Tagesschau-Beitrag vom 5. Oktober 1994 nach den Leichenfunden im Kanton Freiburg und im Wallis


SF Wissen über den Sonnentempler-Massenmord

Links

  • Detaillierte Abhandlung von Jost Auf der Maur in der NZZ am Sonntag über den Amoklauf von Günther Tschanun
  • Schalttag – die unfassbare Bluttat des Günther Tschanun im Videoportal des Schweizer Fernsehens SF
  • Jäggis Fall – Jost Auf der Maur in NZZ Folio über den Mordfall von Seewen/SO
  • Dreizehn Schüsse aus dem Nichts – Abhandlung in der NZZ über den Mordfall von Seewen 30 Jahre nach der Tat
  • Blog über die Vorgänge bei den Sonnentemplern
  • Arbeit einer Studentin über die Sonnentempler
  • Sonnentempler: Tödlicher Irrweg – Blogartikel über die Sonnentempler
  • Dossier: Amoklauf in Menznau: In Tages-Anzeiger Online/Newsnet.ch
  • Die erschreckendsten Tötungsdelikte der Schweiz
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