Crossair vernachlässigte Flugsicherheit: 24 Tote in Bassersdorfer Wald

Und wieder jährt sich ein Ereignis des Katastrophenherbstes 2001 zum zehnten Mal: In den Abendstunden des 24. November 2011 stürzte eine Crossair-Maschine im Landeanflug auf den Flughafen Zürich-Kloten bei Bassersdorf/ZH in ein Waldstück. 24 Menschen verloren ihr Leben, nur neun überlebten.

Maschine touchierte Baumwipfel
Um 21 Uhr reckte die kleine Avro 146-RJ 100 als Crossair-Flug LX 3597 auf der Piste des Airports Tegel ihre Nase in den Berliner Nachthimmel, das Ziel hiess Zürich Kloten, wo die planmässige Landung um etwa 22:15 hätte stattfinden sollen.
Hätte. Denn der Kleine erreichte sein Ziel nicht
Vier Kilometer vor dem Pistenbeginn berührte der Jumbolino – wie der Flieger auch genannt wurde – im Schneeregen einige Baumspitzen, um dann 50 Meter weiter auf dem Boden aufzuschlagen. Der Rumpf der Maschine wurde vollständig zerstört, 24 Menschen kamen ums Leben, darunter die kanadische Popsängerin Melanie Thornton und zwei der drei Mitglieder der deutschen Popgruppe Passion Fruit. Auch die beiden Piloten starben. Neun Passagiere und Besatzungsmitglieder überlebten, der Legende nach einer nur, weil er sich wegen des durch das Geschnatter der Passion Fruit-Sängerinnen verursachten Lärms in einen anderen Teil des halb leeren Flugzeugs gesetzt hatte.
Nach dem Absturz in Nassenwil bei Dielsdorf/ZH ein Jahr zuvor war es der zweite Absturz einer Crossair-Maschine.
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Sendung des Schweizer Fernsehens zum Absturz

Menschliches Versagen als Ursache
Nach langwierigen Untersuchungen wurde menschliches Versagen als Hauptgrund für das Unglück bezeichnet. Der Entscheid war umstritten, zumal der Flieger auf der Piste 28 in Kloten landen sollte, die aufgrund ihres damals fehlenden Instrumentenlandesystems vor allem bei schlechtem Wetter als anspruchsvoll galt. Doch die beiden Piloten waren gemäss dem 169 Seiten starken Abschlussbericht des Bundesamts für Unfallverhütung BFU übermüdet, so dass das Konzentrationsvermögen stark eingeschränkt war. So startete der Pilot die Maschine zu spät durch – mit fatalen Folgen. Zudem wurde die Mindesthöhe beim Landeanflug unterschritten, was zur Kollision mit den Baumwipfeln führte.

Der Pilot hatte einiges auf dem Kerbholz
Nach dem Absturz wurde einige Kritik an der Crossair laut, zumal der verantwortliche Pilot in der Vergangenheit oftmals negativ aufgefallen war. Zudem war er mehrmals durch die erforderlichen Prüfungen gefallen.
1990 hat er in typischer Homer-Simpson-Manier bei einem stehenden Flieger das Fahrwerk eingefahren, so dass der Rumpf auf den Boden knallte und die Saab 340 Totalschaden erlitt. 1995 verursachte er bei einem Landeanflug auf Lugano-Agno eine Beinahe-Katastrophe, während er vier Jahre später bei schönem Wetter statt Sion das italienische Aosta anflog.

Beim Prozess gegen die Crossair-Führungsriege wurden André Dosé und Moritz Suter von den Vorwürfen freigesprochen. Der Führung wurde in der Anklageschrift vorgehalten, dass sie wegen eines Expansionsdrangs die Flugsicherheit markant vernachlässigt hatte, selbst wenn sie von den Problemen und Schwierigkeiten Kenntnis hatten. Um Kosten zu sparen, wurde vielfach auf die Wartung von Flugzeugen verzichtet. Gemäss der Anklageschrift sollte nach dem Crossair-Gründer und ehemaligen CEO Moritz Suter ein Crossair-Pilot drei Sachen beherrschen können: lügen, behaupten und abstreiten. Jedem Pilot, der sich stattdessen auf Vorschriften und Verordnungen berief – oder Fehlerrapporte verfasste, wurde mit der Entlassung gedroht, genauso wie bei Weigerung eines Einsatzes wegen Übermüdung… Damals in Nassenwil war der fliegende Captain der deutschen Sprache nicht sehr mächtig und hatte die Weisung des Towers missverstanden.
Dosé, Suters Nachfolger auf dem Posten als CEO, habe dessen Verhalten weitergeführt und auf Sicherheitsempfehlungen verzichtet. Zudem habe er es versäumt, den Bassersdorfer Unglückspiloten trotz dessen Fehlgriffen (und Dosés Kenntnis davon) aus dem Verkehr zu ziehen.
Schliesslich wurden Dosé, Suter und die restlichen Kadermitglieder vom Bundesverwaltungsgericht in Bellinzona/TI freigesprochen. Die rechtliche Nachfolgegesellschaft der Crossair, die Swiss, hat sich mit den Angehörigen der Opfer über Entschädigungen aussergerichtlich geeinigt.

10vor10 vom 16.05.2008
10vor10-Beitrag zum Freispruch der Crossair-Spitze

Links

  • Der Abschlussbericht des BFU zum Absturz in Bassersdorf
  • Siehe auch

  • 34 Jahre nach Absturz: Schweizer Flugzeug vor Madeira gefunden
  • Der Fall SR 111 wird immer konfuser
  • R.I.P. Lokomotive Jaroslawl
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