Das war noch Gesellschaftskritik, die gelungen ist! Ruhe in Frieden

Trotz Müdigkeit entschied ich mich trotzdem, heute einen Artikel zu schreiben. Dies aus einem ganz besonderen Grund. Wer schon genug Medienkonsum hinter sich hat, weiss es vermutlich bereits. Dieser Artikel ist Vicco von Bülow gewidmet, der gestern mit 87 Jahren verstorben ist, wie sein Hausverlag, der Zürcher Diogenes, mitteilte.

Leider ist Loriot, so von Bülows Künstlername, der ihn auch berühmt machte, in meiner Generation nicht mehr bekannt, da er sich schon Ende der 1970er-Jahren aus dem Fernsehgeschäft zurückgezogen hat, also zu einer Zeit, wo wir nicht mal in den Hinterköpfen unserer Eltern existierten. In den 1980ern veröffentlichte er noch zwei Kinofilme und wurde dank denen und nur sechs Fernsehsendungen trotzdem berühmt. Aufgrund der „fehlenden“ Bekanntheit in der Facebook-Generation hab ich mich zum Verfassen dieses Artikels entschieden. Denn keiner hat es so gut draufgehabt, die Gesellschaft zu kritisieren! Es gab auch Schattenseiten in seinem Leben, seine Mutter starb, als er sechs war. Im Zweiten Weltkrieg war er als Oberleutnant in der Wehrmacht tätig und sagte über sein damaliges Ich, dass es geglaubt habe, das Vaterland verteidigen zu müssen, ohne zu wissen, dass er ein Handlanger der braunen Verbrecher sei. Es gab übrigens keine grosse Aufruhr wie damals, als die SS-Zugehörigkeit von Günther Grass an die Öffentlichkeit kam.

Klassiker: Von der Nudel über das schräge Bild bis hin zum Thlipth

Loriots Standard-Partnerin war Evelyne Hamann, die 2007 gestorben ist. Die beiden haben in den Sendungnen Loriot I – VI Sketche produziert, die bisher etliche Male wiederholt wurden. Meistens haben die beiden Szenen, die sich im typischen Leben abspielen, dargestellt, doch Loriot hat eine übertriebene Würze aufgesetzt.

Der Klassiker schlechthin ist wohl die Nudel. In diesem Kurzfilm versucht ein Mann, einer Frau seine Liebe zu gestehen. Während seiner Rede wandert jedoch eine Nudel durchs ganze Gesicht, und als die Frau ihn auf die Nudel aufmerksam machen will, entgegnet er ihre Unterbruchsversuche stets mit Sagen Sie jetzt nichts.

Komischer finde ich noch Das Bild ist schräg, bei dem ein Gast in einer fremden Wohnung vom einem Schlamassel ins nächste wandert, bis das Zimmer total verwüstet ist. Dies nur weil ein Bild schräg war. Ich weiss jetzt nicht, ob Loriot diese Gedanken auch hatte, aber für mich ist das ein klares Zeichen gegen die, die immer alles perfekt haben wollen, und dementsprechend auch alles korrigieren und verbessern müssen. Das Ganze endet in einem Feuerball, dessen Endergebnis schlimmer ist, als der Anfangszustand, der „unperfekte“ Zustand.

Was jedoch für alle Generationen aktuell ist, scheint das englische th zu sein. Schon in der Sekundarschule oder gar im Frühenglisch wird ganz besonders auf die Aussprache dieses besonderen Lispellautes geachtet. Dabei wird auch in Kauf genommen, dass derjenige in der Reihe davor einen nassen Rücken bekommt, da die Spucke sprudelt wie ein Wasserfall. Loriot hat sich dieses th zur Brust genommen und zeigt, wie Hamann als deutsche Fernsehansagerin an diesem Zischlaut verzweifelt und zwar so, dass einfache deutsche Wörter wie Schlips mit solchen Zischlauten versehen, so dass am Ende der Ausdruck thlipth resultiert. Na dann mottogetreu viel Thpath mit den Zwei Cousinen!

Wenn ihr meint, dass Loriot nur diese drei Werke abgeliefert hat, dann muss ich euch leider enttäuschen. Vor seiner ARD-Karriere hatte er sich sein Geld mit Comic-Sketchen, wie zum Beispiel die beiden Herren im Bad, der nur von solch hochgestochenen Dialogen wimmelt.

Oder das nervöse Ehepaar vor dem kaputten Fernseher, der zeigen soll, wie die Gesellschaft von dem Fernseher den Alltag vorschreiben lässt…

Auch Kinofilme und diverse Zitate sind von ihm geblieben

Loriot hat auch zwei Kinofilme veröffentlicht, so beispielsweise 1988 Ödipussi als Interpretation der Ödipuslegende. Im Film ist Loriot als 56-jähriger Junggeselle zu sehen, der sich endlich von seiner Mutter zu emanzipieren traut. Drei Jahre später folgte noch Pappa ante portas.

Auf die Frage, was den Künstler geprägt hatte, antwortete Loriot mit: Ich weiß, als ich anfing zu studieren, wohnte ich zwischen dem Irrenhaus, dem Zuchthaus und dem Friedhof. Allein die Lage wird es gewesen sein, glaube ich. Auch lehnte er die 2004 erfolgre Rechtschreibereform ab, die für ihn für Leute gut sei, die weder lesen noch schreiben konnten.

Weitere Zitate von ihm findet ihr hier.

Abseits der Bühne war von Bülow ein ernster und nachdenklicher Mensch. Die meisten Komiker sind das, Jim Carrey musste sich zum Beispiel wegen Depressionen behandeln.

In diesem Sinn, gute Nacht und R. I. P. Loriot!

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