Madrid: Zehn Jahre nach den Terroranschlägen

Das Datum des 11. März ist seit 2011 in den Köpfen der Menschheit fest mit dem Tohoku-Erdbeben samt Tsunami und Nuklearkatastrophe im japanischen AKW Fukushima-Daiichi verbunden. Dabei geht meist vergessen, dass am selben Datum im Jahre 2004 die spanische Hauptstadt Madrid Ziel von Terroranschlägen wurde: Im morgendlichen Pendelverkehr explodierten in vier Vorortszügen zehn Sprengsätze – insgesamt 191 Menschen wurden getötet, 2051 verletzt. Nun jährt sich das Ereignis zum zehnten Mal.

Zehn Bomben in vier Zügen

Zum Gedenken an die Terroranschläge von Madrid im Bahnhof Atocha niedergelegte Blumen und Kerzen (Copyright: Uaxuctum/Wikimedia Commons)


Mitten in der morgendlichen Hauptverkehrszeit des 11. März 2004 explodierten zwischen 7:37 und 7:40 Uhr Ortszeit zehn Sprengsätze in vier Zügen der Linien C-2 und C-4 der Cercanías Madrid, welche von Alcalá de Henares nach Madrid Atocha unterwegs waren. Einer der Züge war bereits im Atocha-Bahnhof eingetroffen, als drei Bomben detonierten, ein zweiter war zum Zeitpunkt der Explosionen leicht verspätet, weswegen sich die Detonationen im Gleisfeld des Bahnhofs Atocha bei der Calle del Téllez ereigneten. Die beiden weiteren Züge befanden sich zum Zeitpunkt der Explosionen in den Bahnhöfen El Pozo und Santa Eugenia, beide gelegen in den südöstlichen Stadtgebieten Madrids.
Die Sprengsätze befanden sich in Rucksäcken und wurden mittels Mobiltelefonen ferngezündet. Weitere Bomben wurden entschärft, sie sollten nach dem Eintreffen der Rettungskräfte detonieren, um die Opferzahl abermals zu steigern.
Insgesamt 191 Menschen verloren bei den Madrider Zuganschlägen, die in Spanien als M-11 bezeichnet werden, ihr Leben, 2051 wurden verletzt. Damit markieren sie hinter dem Terroranschlag auf den Pan-Am-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie den zweitverheerendsten in der Geschichte der Europäischen Gemeinschaft (EG)/Europäischen Union (EU). Die Züge waren vollbesetzt, die betroffenen Kompositionen setzen sich aus Doppeltraktionen der dreiteiligen RENFE-Baureihe 446 zusammen, die in diesen üblichen Garnituren jeweils 408 Sitz- und 1000 Stehplätze umfassen.
10vor10 vom 11. März 2004

ETA und Al Kaida im Visier

Die ersten Ermittlungen konzentrierten sich auf die baskische Untergrundorganisation Euskadi Ta Askatasuna (ETA), auf deren Konto das Gros der Terroranschläge in Spanien gehen. Jedoch gehen bei ETA-Anschlägen üblicherweise kurz nach der Tat Bekenneranrufe ein, was bei den Madrider Zuganschlägen jedoch nicht passierte. Nichtsdestotrotz wurde dieser Verdacht von der spanischen Regierung vehement vertreten, da wenige Tage nach den Anschlägen Parlamentswahlen angesetzt waren und eine Beteiligung islamistischer Kräfte die Kritik an der spanischen Beteiligung im Irak-Krieg wieder aufflammen lassen würde. Dieser Theorie kam zu Gute, dass an Weihnachten 2003 ein von der ETA geplanter Anschlag am Bahnhof Madrid Chamartín, hinter Atocha der zweitwichtigste der Stadt, vereitelt werden konnte. Die ETA dementierte mehrmals eine Beteiligung an den Anschlägen und nach Demonstrationen der Bevölkerung wurden die Ermittlungen auf islamistische Kreise ausgeweitet. Die Anschläge vom 11. März 2004 fanden genau 911 Tage nach denjenigen vom 11. September statt. Zwei Jahre nach den Attentaten wurden die Ermittlungen abgeschlossen. Sie wurden von der radikal-islamischen marrokanischen Kampfgruppe (GICM) ausgeführt. 2005 eskalierte eine Razzia in der Vorstadt Leganés, woraufhin es zu einem Schusswechsel zwischen Verdächtigten und der Polizei kam, sieben mutmassliche Attentäter und ein Polizist kamen dabei ums Leben.
21 der 28 mutmasslichen Drahtzieher wurden in einem jahrelangen Prozess 2007 zur maximal in Spanien möglichen Haftdauer von 40 Jahren verurteilt, die Staatsanwaltschaft hatte diese Strafen mit der Anzahl Todesopfer multipliziert und zwischen 35’000 und 40’000 Jahre Gefängnis gefordert. Die Madrider Zuganschläge werden stets mit Al Kaida assoziiert, auch wenn diese jegliche aktive Beteiligung bestritten hat. Jedoch ist dies die gängige Praxis: Meistens werden Terroranschläge nicht auf Auftrag der Al Kaida ausgeführt, sondern Al Kaida-nahe Gruppen, wie die GICM eine ist, bringen die Bomben aus Eigeninitiative zur Detonation und am Ende wird der Akt dennoch der jahrelang von Osama bin Laden geführten Terrororganisation zugeschrieben.

Die politischen Folgen der Anschläge

An den Tagen nach den Anschlägen fanden in diversen spanischen Städten Gedenkmärsche statt, an denen Millionen Menschen teilnahmen. Die damals regierende konservative Volkspartei Partido Popular (PP) verlor an den Parlamentswahlen nach den Anschlägen ihre absolute Mehrheit und die sozialistische Partido Socialista Obrero Español (PSOE) stellte mit José Luis Rodrígues Zapatero neu den Ministerpräsidenten. Der poltische Umschwung war eine Folge der falschen Informationspolitik und der vorschnellen Vorverurteilung der ETA durch die konservative Regierung. Ministerpräsident José María Aznar (PP) wäre bei den Wahlen 2004 ohnehin nicht mehr angetreten, an seiner Stelle nominierte die PP stattdessen Mariano Rajoy als Spitzenkandidaten, welcher danach siebeneinhalb Jahre als Oppositionsführer amtete und seit dem Wahlsieg der PP bei den vorgezogenen Parlamentswahlen vom 20. November 2011 nun spanischer Premierminister ist.

Gedenken zum zehnten Jahrestag

Zum zehnten Jahrestag fanden sich nebst Angehörigen der Opfer vom 11. März 2004 auch Spaniens König Juan Carlos I., dessen Gattin Reina Sofía und Kronprinzessin Letizia, sowie der amtierende Ministerpräsident Mariano Rajoy in der Almudena-Kathedrale ein, um der von Erzbischof Antonio Rouca Valera zelebrierten Gedenkmesse beizuwohnen. Auch wurde an die den Anschlägen folgende Solidarität unter der spanischen Bevölkerung erinnert, die heute im von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Land vermisst wird. Zudem ist Spanien stark von autonomen Bewegungen geprägt, nicht wenige Katalanen, Basken oder Galicier möchten sich vom dominierenden Kastillien loseisen. Auch an den Schauplätzen der Anschläge sowie im Parco del Retiro fanden weitere privat organisierten Andachten statt.
Tagesschau am Mittag von Schweizer Radio und Fernsehen am 11. März 2004



Beitrag der ZDF-Sendung Hallo Deutschland vom 11. März 2014

Portrait: Cercanías Madrid

Die Cercanías Madrid sind das Vorortszug-System der spanischen Hauptstadt Madrid und ist mit der im deutschen Sprachraum gebräuchlichen S-Bahn zu vergleichen. Auf insgesamt neun Linien wird Madrids Stadtzentrum mit Agglomerationsstädten wie Alcorcón, Getafe, Guadalajara, Alcobendas oder Alcála de Henares verbunden. Seit 2011 ist auch das Terminal T4 des Flughafens Madrid-Barajas ans Cercanías-Netz angeschlossen, jedoch nicht die restlichen Terminals. In der Innenstadt existieren zwischen den beiden Fernbahnhöfen Chamartín und Atocha zwei unterirdische Stammstrecken. In diesen beiden Tunnelstrecken, die teilweise auch von Fernverkehrszügen genutzt werden, herrscht durch diverse Linienüberlagerungen ein Drei- bis Vier-Minuten-Takt.

Portrait: Die betroffenen Bahnhöfe

Madrid Atocha
Madrid Atocha (Estación del Puerta de Atocha) ist neben Madrid Chamartín einer der beiden Fernverkehrsbahnhöfe der spanischen Hauptstadt und ein wichtiger Knoten im Cercanías-Netz. Von Atocha aus verkehren die normalspurigen Schnellfahrstrecken nach Valencia Joaquín Sorolla, Alicante Terminal, Malága María Zambrano und Barcelona-Sants, zudem zahlreiche breitspurigen Fernverkehrszüge in südliche, südwestliche und südöstliche Regionen Spaniens. Mittelfristig ist eine direkte Hochgeschwindigkeitsverbindung Genf–Madrid Atocha vorgesehen. Der Palmengarten in der alten Bahnhofshalle ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Madrids. Der Bahnhof besteht aus einem oberirdischen Kopfbahnhof, in dem die Hochgeschwindigkeitszüge beginnen und enden und aus einem unterirdischen Durchgangsbahnhof, der von den Cercanías-Zügen und einigen breitspurigen Fernzügen genutzt werden, die zum Bahnhof Madrid Chamartín weiterfahren.

El Pozo
Der Bahnhof El Pozo liegt im Arbeiterviertel El Pozo del Tío Raimundo und wird ausschliesslich von Cercanías-Zügen bedient. Nebst der Linie C-2 (Guadalajara–Madrid Chamartín) hält auch die Linie C-7 (Alcála de Henares–Madrid Principe Pio) am Bahnhof.

Santa Eugenia
Die Station Santa Eugenia liegt im gleichnamigen Stadtviertel, welches in den 1970er-Jahren erbaut wurde. Wie in El Pozo halten hier ausschliesslich Cercanías-Züge der Linien C-2 und C-7.

An allen drei betroffenen Stationen wurden Gedenkstätten errichtet.

Siehe auch

  • 25 Jahre Lockerbie: Als Libyen Pan-Am-Flug 103 gesprent haben sollCabo Ruivo vom 22. Dezember 2013
  • Zugunglück von Santiago de Compostela: Warum Alvia 01455 entgleisteCabo Ruivo vom 26. Juli 2013
  • Der Krater ist weg, neue Bauten entstehen – aber wissen wir alles?Cabo Ruivo vom 11. September 2011
  • Links

  • Als der Jihad Spanien erreichteNZZ Online vom 11. März 2014
  • Bildstrecke der NZZ über die Terroranschläge von Madrid
  • Zehn Jahre nach den Anschlägen: Offene Wunden in MadridFrankfurter Rundschau Online vom 11. März 2014
  • Jahrestag der Anschläge von Madrid: Royals stehen den Opferfamilien beiStuttgarter Zeitung Online vom 11. März 2014
  • Spanien gedenkt der Terroropfer vom 11. März 2004Schweizer Radio und Fernsehen Online vom 11. März 2014
  • Terror in Madrid: Züge von Bomben zerfetztSPIEGEL Online vom 11. März 2004
  • Erläuterungen zu den Madrider Zuganschlägen bei wasistwas.de
  • Bombenanschläge in Madrid: Der Tod lauerte im RucksackSüddeutsche Zeitung vom 12. März 2004
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