Mythos Titanic: Vor 100 Jahren beendete ein Eisberg die Jungfernfahrt

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Mit dem Namen Titanic sind untrennbar zwei Katastrophen des 20. Jahrhunderts verbunden. Vor genau 100 Jahren, am 15. April 1912, sank der Luxusliner Titanic nach einer Kollision mit einem Eisberg im Atlantik, was 1997 von James Cameron unter den gleichnamigen Titel übertrieben kitschig auf Leinwand gebannt wurde. Doch damit nicht genug – anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Untergangs sinkt die Titanic abermals im Kino – diesmal in 3D.

Der Mythos vom unsinkbaren Schiff

Die RMS Titanic wurde gemeinsam mit ihren Schwesterschiffen RMS Olympic und HMHS Britannic (ursprünglich als RMS Gigantic vorgesehen) der Olympic-Klasse zugeteilt und war der ganze Stolz der britischen Reederei White Star Line – Vorläuferin der heutigen Kreuzfahrtreederei Cunard Line, die wiederum eine Schwestergesellschaft von Costa Crociere ist, die dieses Jahr mit der Costa Concordia und der Costa Allegra Erfahrungen mit Havarien und Bränden gemacht hat.
Am 10. April 1912 stach die Titanic unter dem Kommando ihres Kapitäns Edward John Smith im englischen Southampton in See. 1300 Fahrgäste hatten eine Fahrkarte erstanden. Nach Zwischenhalten in Cherbourg/F und im irischen Queenstown (heute Cobh) stand die Überfahrt des Atlantiks auf dem Programm. Die Titanic hatte den Mythos eines unsinkbaren Schiffs, da der Rumpf mit luftdichten Kammern versehen war, welche eindringendes Wasser eindämmen sollten. Jedoch galt die Unsinkbarkeit nur bis maximal vier beschädigte Kammern, bei der Kollision wurden jedoch deren sechs beschädigt.
Die Jungfernfahrt der Titanic endete jäh an einem Eisberg, der zuvor entdeckt wurde, weil Wendemanöver eingeleitet wurden, die jedoch den Aufprall nicht vermeiden konnten. Um 23:40 Uhr am Abend des 14. Aprils 1912 kollidierte die RMS Titanic mit dem Koloss aus gefrorenem Wasser. Anfänglich erhielt die Titanic trotz der Schäden auf Steuerbordseite kaum Schlagseite, zudem erhielt das Orchester den Auftrag, zur Verminderung der Panik laufend Stücke zum Besten zu geben.

«Frauen und Kinder zuerst»

Die Schiffsfunker ereilte der Befehl, Notrufe an umliegende Schiffe zu senden. Gleichzeitig wurde mit der Evakuierung begonnen. Unter den Offizieren wurde der Grundsatz Frauen und Kinder zuerst beim Fieren durchgesetzt. Einzelne Crewmitglieder griffen sogar zur Schusswaffe, um männliche Erwachsene (Menschen bis 12 Jahre galten als Kinder) von den Rettungsbooten fernzuhalten. Von den insgesamt rund 2200 Menschen an Bord überlebten je nach Quelle deren 705 bis 711. Nach der Katastrophe wurde die geringe Anzahl von Rettungsbooten krisiert, die jedoch den Normen entsprach und diese sogar übertraf. Vorgeschrieben wären gerade mal 756 Plätze in Rettungsbooten, die Titanic hatte deren 1178 – nichtsdestrotz im Vergleich zu der Anzahl Personen an Bord viel zu wenig. Zudem fuhren zahlreiche Rettungsboote nur halb voll von der Unglücksstelle weg, weil die Geretteten Angst bekundeten, durch die Hände der ins Wasser gefallenen, welche ebenfalls Einlass ins Boot wollten, zu kentern. Etliche Passagiere starben an Unterkühlung -die Wassertemperatur lag bei rund 0°C, der Schmelzpunkt von Meerwasser beträgt -1.9°C.
Rund zweieinhalb Stunden nach der Kollision zerbrach der Luxusliner in zwei Teile, der Bugteil versank unter Wasser, während sich das Heck steil aufrichtete, ehe es von den Fluten des Atlantiks verschlungen wurde.

Mythos um die Rettung

Zahlreiche Gerüchte ranken sich auch um die Rettung. Das erste Schiff, welches den Notruf empfing, war die RMS Carpathia der damaligen White Star-Konkurrentin und späteren Fusionspartnerin Cunard, welche sogleich mit Volldampf Richtung Unglücksstelle loslegte. Jedoch wurde diese aufgrund eines Irrtums der Funker um einige Kilometer versetzt angegeben, so dass die Carpathia nur aufgrund eines Zufalls auf die treibenden Boote stiess. Die Unglücksstelle war rund vier Stunden nach Erhalt des Notrufs erreicht. Einige Crewmitglieder der Titanic gaben an, während des Sinkprozesses in der Nähe Positionslichter eines Schiffe ausgemacht zu haben. Gerüchten zufolge handelte es sich dabei um die Californication, doch reinen Tisch in dieser Angelegenheit konnte bis heute nicht gemacht werden.
In den US-amerikanischen Medien herrschte anfangs grosse Geheimhaltung in punkto Untergang der Titanic. Die Öffentlichkeit erfuhr zunächst nur über eine Kollision, jedoch nichts über die Folgen. Erst die New York Times war die erste Zeitung, welche von einer gesunkenen Titanic schrieb. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat alle ihre damals zum Unglück verfassten Beiträge online gestellt. Da die NZZ zwischen 1894 und 1969 satte dreimal pro Tag erschien, lagen den verschiedenen Berichterstattungen unterschiedliche Angaben zu Grunde.
Die Ankunft der Carpathia mit den Überlebenden der Titanic verlief in Abwesenheit von Schaulustigen, welche abgeschirmt wurden. Sehr zum Missfallen der Gesellschaft befand sich auch der amtierende Geschäftsführer der White Star Line, Bruce Ismay, unter den Geretteten, doch er konnte für die Aufklärung des Unglücks äusserst wertvolle Hinweise liefern. 306 der Toten wurden Tage später von kanadischen Schiffen geborgen und auf drei Friedhöfen in der Nähe von Halifax in Nova Scotia begraben.
Als falsch erwiesen sich die Gerüchte, dass Kapitän Smith für eine schnellere Überfahrt bewusst die Gefahr in Kauf genommen hatte, um der White Star Line das an die Mauretania verlorene Blaue Band für die schnellste Überfahrt Europa-Amerika zurückzuerobern. Erstens waren die Schiffe der Olympic-Klasse mit einer Höchstgeschwindigkeit von 22 Knoten gar nicht in der Lage gewesen, es auch nur im entferntesten mit der Mauretania aufzunehmen, zweitens folgte die Titanic der zwischen Januar und August aufgrund des kalten Labradorstroms vorgeschriebenen Südroute, die eingeführt wurde, um Kollisionen mit Eisbergen zu vermeiden. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Titanic gar noch südlicher der vorgeschriebenen Linienführung befand.
Das Wrack der Titanic wurde inzwischen bei 41° 43’ 55” nördlicher und 49° 56’ 45” westlicher Breite in einer Tiefe von 3821 Metern lokalisiert:

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Die um Leonardo winselnde Kate erobert die Kinoleinwand

Der Mythos der Titanic und auch deren Untergang waren danach etliche Male Inhalt von Filmen und Büchern. Mit Abstand am meisten Rezension erlangte James Camerons Verfilmung im Jahre 1997. In Titanic bringt Leonardo DiCaprio Kate Winslet bei, wie diese mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen am Schiffsbug stehen kann. Klar man kann ja herunterfallen, es gibt ja schliesslich keine Reling. Die Katastrophe bildet an sich eine hervorragende Grundlage für einen Katastrophenfilm, doch diese Chance ist seit Cameron selbsternanntem Frauenfilm dahin. Denn dem zahlenden Publikum und auch der Kritik hat die Liebesschnulze auch noch gefallen: Nebst 11 eingeheimsten Oscars spielte der Streifen satte 1.8 Milliarden US-Dollar ein, was ihn zum erfolgreichsten Film seiner Zeit machte. Erst 2009 wurde er von Avatar – Aufbruch nach Pandora mit einem Einspielergebnis von 2.78 Milliarden US-Dollar von der Spitzenposition bedrägt. James Cameron dürfte die Rückstufung Titanics auf den zweiten Platz wohl kaum traurig gemacht haben, denn auch Avatar entstammte unter seiner Regie. Mit anderen Welterfolgen wie Terminator und diesen fast unheimlich anmutenden knapp 4.6 Milliarden US-Dollar mit nur zwei Filmen ist James Cameron der wohl komerziell erfolgreichste Regisseur der Geschichte. Kein Wunder, dass er sich seinen erst kürzlich absolvierten Ausflug mit dem U-Boot Deepsea Challenger in den knapp 11’000 Meter tiefen Marianengraben leisten konnte. Dabei sah es beim Filmdreh ganz anders aus: Die Spezialeffekte liessen die Kosten explodieren, so dass Twentieth Century Fox auf die Kostenbremse trat und mit dem Platzen des Filmprojekts drohte. Erst als Cameron auf seine Gage verzichtete und mit Paramount Pictures ein zweites Hollywood-Studio ins Boot geholt wurde, konnte das 194-minütige Sinken rund um Kate und Leonardo weitergehen. Als würde der Film nicht reichen, hat noch Celine Dion („Danke“ gen Himmel zu Nella Martinetti) mit My heart will go on einen Ohrenschmaus zum Soundtrack beigesteuert, der bei Winslet nach eigenen Angaben Würgreflexe und den Drang nach der Ausscheidung von Mageninhalten durch den Mund auslöst, um es mal blumig zu umschreiben.
Nichtsdestotrotz hat Cameron offenbar noch nicht genug Kohle gescheffelt: Anlässlich des 100. Jahrestags der Katastrophe flimmert Titanic abermals über die Kinoleinwände – und darf jetzt sogar in 3D sinken. Wer sich das freiwillig antun will, ist selber schuld. Denn der Film diente sowohl DiCaprio und Winslet als Sprungbrett, darf von den beiden angesichts ihrer aktuellen Erfolge schon fast als Schandfleck ihrer Karriere bezeichnet werden.
Nichtsdestotrotz darf auch hier der obligate Trailer nicht fehlen:

Belfast hat ein Titanic-Museum

In der nordirischen Hauptstadt Belfast wurde anlässlich des 100. Jahrestags der Katastrophe ein Titanic-Museum errichtet, es feierte seine Eröffnung am 30. März. Die Architektur des Gebäudes ist an die Form des Titanic-Bugs angelegt. Es wurde am Standort der Harland & Wolff Ltd. errichtet, jene Werft, in der die Titanic auf Kiel gelegt und gebaut wurde. Die Werft ist längst stillgelegt, weil das Unternehmen seinen Fokus auf den Bau von Offshore-Windparks gelegt hat, das Gebiet in Belfasts Hafen trägt längst den Namen Titanic Quarter und wird zur Zeit einem Reurbanisierungsprojekt ähnlich wie Canary Wharf in London oder La Défense in der Metropolregion Paris unerzogen, Teil dessen das Titanic Museums ist. Harland & Wolff baute für die Errichtung der drei Schiffe der Olympic-Klasse die gesamten Werftanlagen um, das berühmte schottische Brücken- und Kranbauunternehmen Sir William Arrol & Co., berühmt für Brücken wie die Forth Bridge, die Forth Road Bridge, beide nordwestlich Edinburghs, oder die Londoner Tower Bridge – leistete mit dem Bau der gigantischen Portalkrane ebenfalls seinen Beitrag an der Titanic. Das Schiff war insgesamt 269 Meter lang und bei einem Tiefgang von 10.3 Metern 53.3 Meter hoch. Drei der 19 Meter hohen Schornsteine dienten als Rauchabzug, der vierte wurde aus ästhetischen und symmetrischen Gründen erstellt, er diente vorwiegend der Entlüftung der Küchen sowie der Kessel- und Maschinenräume, weswegen zusätzliche Einrichtung zur Entlüftung dieser Räume nicht vonnöten waren.
Das Museum ist mehr virtueller Natur, so sind keine Fundgegenstände direkt ausgestellt, sondern nur per Kamera vom Meeresgrund ersichtlich. Das Wrack an sich wurde Anfangs April 2012 von der UNESCO unter Schutz gestellt.

Links

  • Titanic-Dossier der NZZ
  • Telegramm der 2. Abendausgabe vom 15. April 2012 der NZZ
  • Meldung des Untergangs im zweiten NZZ-Abendblatt vom 16. April
  • 10vor10 vom 03.04.2012
    Faszination Titanic: Beitrag des Magazins 10vor10 des Schweizer Fernsehens über den Mythos Titanic

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