R.I.P. Lokomotive Jaroslawl

Eigentlich wollte ich über die heute beginnende NLA-Saison im Schweizer Eishockey berichten, doch gestern legte sich ein tiefer Schatten über den Sport. Wenige Minuten nach dem Start im russischen Jaroslawl stürzte ein Flugzeug ab – an Bord das gesamte Team des lokalen KHL-Vereins Lokomotive samt Betreuerstab und restlichem Staff. 43 Personen verloren ihr Leben, nur zwei überlebten.

Auf dem Weg zum ersten Saisonspiel
Die Equipe von Lokomotive Jaroslawl war unterwegs zu ihrem Saisonspiel bei Dinamo Minsk, als der Jet knapp zwei Minuten nach dem Start aufgrund eines mutmasslichen Pilotenfehlers angeblich eine Antenne berührte und daraufhin in die Wolga stürzte. Von den 45 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord überlebten nur der Stürmer Alexander Galimow und der Flugbegleiter Alexander Slisow. Der Kader Jaroslawls umfasste Spieler aus acht Staaten sowie den kanadischen Coach Brad McCrimmon. Nur gerade drei Spieler und der Torwarttrainer hatten die Reise nach Minsk nicht angetreten. Unter den Opfern befindet sich auch der deutsche Nationalspieler Robert Dietrich, kurz vor dem Start hatte er noch mit dem Teamleiter seines ehemaligen Clubs DEG telefoniert und ihm gesagt, „wie er sich auf das erste Spiel freue“. Dietrich war erst diesen Sommer in die KHL gewechselt. Er war nicht der einzige, zahlreiche weitere Spieler hätten in Minsk ihren ersten Ernstkampf mit Lokomotive Jaroslawl bestritten.

Ganze erste Ligarunde abgesagt
Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe des Absturzes war das erste Spiel der neuen KHL-Saison – Salawat Julajew UfaAtlant Mytischtschi – bereits im Gange, sie wurde im ersten Drittel beim Stande von 1:0 für Ufa zunächst unter-, danach abgebrochen. Der anwesende Ligapräsident Alexander Medwedew (nicht näher verwandt mit Ministerpräsident Dimitri) trat aufs Eis und verkündete die Botschaft. Alle weiteren Spiele der ersten Runde wurden ebenfalls abgesagt, der Ligastart zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben. Nachdem die KHL-Clubs bekannt gaben, Spieler für den sofortigen Wiederaufbau von Lokomotive Jaroslawl zur Verfügung zu stellen, wurde der neue Saisonstart auf den 12. September terminiert. Jaroslawl wird an der Meisterschaft voraussichtlich teilnehmen.

Grosse Anteilnahme in aller Welt
Der Absturz trug eine grosse Anteilnahme in aller Welt mit sich. Auf Facebook wurde eine Fanseite R.I.P. Lokomotive Jaroslawl aufgeschaltet, die regen Zuspruch fand. In etwas mehr als 24 Stunden klickten über 137’000 Personen (Stand: 21:40 Uhr, 8. September 2011) den „Gefällt mir“-Button. Der Schweizer IHF-Präsident René Fasel nannte den gestrigen als den „schwärzesten Tag in der Geschichte unseres Sports„. Viele der Spieler hatten NHL-Vergangenheit, einige waren Weltmeister und Olympiasieger.
Auch die Schweiz zeigt sich betroffen, der russische Meister von 1997, 2002 und 2003 war im Dezember 2003 beim Spengler-Cup in Davos zu Gast, wo der den dritten Platz belegte. Und just die Spieler, die jetzt ihren Tod gefunden hatten, bereiteten sich in Leukerbad auf die neue Saison vor, weiters mit Testspielen gegen Ambri, Visp und Bern. Anlässlich des heutigen NLA-Eröffnungsspiels ZSC Lions – EV Zug (5:6 n.V.) wurde eine Schweigeminute zu Ehren der Toten abgehalten. Für ZSC-Coach Bob Hartley dürfte dies besonders traurig sein, denn Jaroslawl-Coach Brad McCrimmon war zu Hartleys Zeiten bei den Atlanta Trashers dessen Assistent.

Erinnerungen an die Busby Babes
Der gestrige Absturz war nicht der erste, dem eine Sportmannschaft ganz oder teilweise zum Opfer fiel. 1949 stürzte eine Maschine im Landeanflug auf Turin ab, nachdem sie einen Kirchturm touchiert hatte. 31 Menschen kamen ums Leben, darunter 18 Spieler des damals die italienische Fussballiga dominierenden AC Torino, gerade von einem Testspiel gegen Benfica Lissabon aus der portugiesischen Hauptstadt zurückkehrend. Der Klub selbst erreichte nach der Katastrophe nie mehr denselben Glanz, er spielt heute in der Serie B. Auch die italienische Nationalelf, die damals vorwiegend aus Torino-Akteuren bestand, litt lange darunter. 1958 wiederum stürzte in München nach einer Zwischenlandung eine britische Chartermaschine mit der Mannschaft von Manchester United an Bord ab, die Busby Babes kamen von einem Europapokalspiel aus Belgrad. Von den 24 Toten sind acht United-Spieler zu finden, darunter der als grösstes Talent aller Zeiten bezeichnete Duncan Edwards. Trainer Sir Matt Busby überlebte, obwohl er zweimal die letzte Ölung erhalten hatte und baute nach dem Absturz ein neues Team um den Überlebenden und heutigen ManUnited-Ehrenpräsidenten Sir Bobby Charlton auf. Der 1994 gestorbene Busby wurde erst am 6. Dezember vergangenen Jahres von seinem schottischen Landsmann Sir Alex Ferguson als langjährigster United-Manager überholt. Beim Old Trafford ist eine Uhr angebracht, auf der die Zeit des Absturzes angebracht ist. Mehr Glück bekundete der ehemalige Genfer Tennisspieler und Olympiasieger von 1992, Marc Rosset, er löste am 2. September 1998 ein Ticket für den Swissair-Flug 111, entschied sich aber, länger in New York zu bleiben. SR 111 stürzt wenige Stunden nach dem Start bei Halifax in den Atlantischen Ozean – 229 Menschenleben sind zu beklagen.

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