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Wachters Wochenschau: Tebartz-van Elst oder das Nobelpreiskomitee? (aus Der Freitag)

Franz-Peter Tebartz-van Elst erzürnt sein Bistum Limburg, während das Nobelpreiskomitee wieder einmal alle zum Narren hielt – wohl zur Freude aller Wettbüros dieser Erde. Cabo Ruivo-Autor Daniel Wachter äussert sich jede Woche unter dem Stichwort Wachters Wochenschau im Online-Medium Der Freitag zum aktuellen Geschehen. Diesmal dreht sich der Artikel um den umstrittenen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, den Entscheidungen des Nobelpreiskomitees und um Silvio Berlusconi, der zum WC putzen verwünscht wird.

Der Bischof mit dem Prunk

Der Limburger Bling-Bling-Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist keiner, genauso wie Neo-Toilettenputzer Silvio Berlusconi und einige Friedensnobelpreisträger: Ein Engel.

Betrachtet man die Inneneinrichtung eines katholischen Gotteshauses, so lässt sich nicht leugnen, dass die katholische Kirche Gefallen am Prunk gefunden hat. Kaum ein Altar kommt ohne schnörkelreiche Verzierungen aus, wenn möglich noch mit Blattgold versehen. Am Zahn der Zeit leben die feinen Domherren längst vorbei, dies ist kein Geheimnis mehr. Papst Franziskus trimmt den Laden seit seinem Amtsantritt auf Bescheidenheit und scheucht nicht davor zurück, mal kurz den ganzen Apparat auf den Kopf zu stellen. Er wird wohl keine Freude an Franz-Peter Tebartz-van Elst haben, seines Zeichens Bischof von Limburg. Dank seiner Exzellenz verfügt Limburg jetzt nicht nur über den Luxus eines ICE-Bahnhofs auf der grünen Wiese an der Schnellfahrstrecke Rhein-Main (Limburg Süd mit anschliessender Irrfahrt ins Stadtzentrum), sondern ebenso über den Luxus eines neuen Bischofssitzes, dessen Bau satte 40 Millionen Euro verschlungen hatte, obwohl Tebartz-van Elst vom Bistum ein Budget von acht Millionen Euro zur Verfügung gestellt wurde. Die zusätzlichen Baukosten wurden verschwiegen. Auch sonst machte sich der gebürtige Niederländer keine Freude – den Bezirksdekan von Wetzlar setzte er kurz nach seinem Amtsantritt 2008 ab, weil dieser der Segnung eines homosexuellen Paares beiwohnte. Tebartz-van Elst reiste nun nach Rom, um im allerletzten Moment noch so viel Schadensbegrenzung wie möglich zu halten. Seine Flugreise mit Ryanair nach Rom-Ciampino wirkt beinahe wie provokativer Spott, 2012 war er noch in der First Class zu Slumbesuchen in Indien aufgebrochen. Das Kirchenvolk wird mittels Kirchensteuer zu in der Bibel tausendmal niedergeschriebenen Bescheidenheit gezwungen, während die feinen oberen Herren in Saus und Braus leben. Dies erinnert an die Grundzüge des Sozialismus, wo das gemeine Fussvolk überinterpretiert nach Marx und Engels seiner Mittel beraubt wurden, während sich die Oberschicht in ihren Datschen dem Luxus frönte.

Das Nobelpreiskomitee lässt alle auflaufen

Mit Spannung werden alljährlich die Preisträger der Nobelpreise erwartet. Dieses Jahr fehlte der ganz grosse Knaller, ja mit Peter Higgs und François Englert wurden sogar zwei längst überfällige designierte Preisträger ausgezeichnet. Jedoch schaffte man es wieder, den Friedensnobelpreis zu entwerten. Die Organisation zum Verbot chemischer Waffen (OPCW) war nur wenige Wochen präsent, nachdem die Mitglieder nach dem verheerenden Angriff in Syrien eine Charta zur Vernichtung solcher Waffen unterzeichneten – und erhält nun prompt den Friedensnobelpreis. Vor einem Jahr war der Aufschrei grösser, als ausgerechnet die gebeutelte EU, die dringend ein positives Ereignis fürs Image benötigte, die Ehrung trotz ihrer Grenzpolitik mit tödlichen Konsequenzen (Stichwort: Lampedusa) erhielt – oder noch besser 2009, als Barack Obama, der heute mit Drohnenkriegen, NSA-Spionage und dem kollektiven Stillstand seines Landes von sich reden lässt, buchstäblich fürs Nichtstun die Auszeichung überreicht bekam. Grosse Reden schwingen und keine Taten liefern, eine bemerkenswerte Fähigkeit Obamas. Nun gut, nach George W. Bush konnte es ohnehin nur besser werden und Obama ist der bessere Amtsträger als ein Republikaner nach Wahl. Jedoch hätte wohl niemand im Vorfeld auf die OPCW gesetzt, als Favoritin wurde im Vorfeld die Pakistanierin Malala Yousafzai gehandelt, die in ihrem BBC-Blog für das Recht auf Schule für Mädchen kämpfte, die grosse mediale Aufmerksamkeit allerdings erst nach einem lebensgefährlichen Kopfschuss erlangte.

Vielleicht sollte das Komitee mal ein Exempel statuieren und nicht nur Personen oder Organisationen mit medialem Echo berücksichtigen, sondern solche, die fernab aller Öffentlichkeit ihrer Arbeit nachgehen – Lotti Latrous wurde in der Schweiz beispielsweise erst berühmt, nachdem sie zur Schweizerin des Jahres gekürt wurde.

Nobelpreis: Das grosse Geschäft für Wettbüros?

Auf Nobelpreise zu wetten ist in etwa so effizient wie bei Orkan die Hofeinfahrt zu kehren. Unzählige Favoriten existieren – und am Ende reüssiert jemand Unerwartetes. Wie viele Male wurde Doris Lessing als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis gehandelt, ehe sie ihn dann doch erhielt und dann die Ankündigung erstmals als Scherz abtat. Philip Roth wartet übrigens bis heute auf die Auszeichnung. Jedoch würden just solche Nobelpreisträgerwetten zum grossen Geschäft für die angeschlagene Branche der Wettbüros. Zahlreiche Wetteingänge, kombiniert mit einer minimalen Chance, überhaupt dann einen Gewinn auszahlen zu müssen, da es durchaus vorkommen kann, dass der spätere Preisträger gar nicht in den Wetteinträgen auftaucht.

Vielleicht wird eines Tages gar Tebartz-van Elst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, da dank seines Erstklassfluges nach Indien die dortigen Armutsverhältnisse die notwendige mediale Aufmerksamkeit erhielten?

Berlusconis Ausflug in den sozialen Dienst

Unser allseits bekannter Lieblingsrosenkavalier Silvio Berlusconi ist wieder einmal um einen Ausflug ins Gefängnis herumgekommen, in dem er sich – welch Neuigkeit! – auf einen Deal einliess und seine Strafe stattdessen in sozialen Arbeitseinsätzen verbüssen wird. Doch welche Einsätze warten da auf den Cavaliere? Aufseher in einem Bordell? Das würde ihm so passen!
Die Bevölkerung wiederum hat glasklare Vorstellungen, nicht wenige würden den umstrittenen und auch ohne des Urteils wegen Steuerhinterziehung mit einneunzehntel Beinen im Knast stehenden Rechtspolitiker gerne beim Toilettenschrubben sehen, oder in einem Altenheim, wo er eigentlich seines Alters wegen bereits als Bewohner in Frage käme und sehen würde, in welchen Umständen seine Altersgenossen leben.

Er könnte auch als Unterstützer für Flüchtlinge sein, schliesslich gelten ja solche, welche die Überfahrt übers Mittelmeer überleben, gemäss italienischem Recht als kriminell.

Hinweis

Erstveröffentlichung dieses Artikels von Daniel Wachter in Der Freitag am 13. Oktober 2013