Boeing 737 MAX: Hat die Luftfahrt ein Sicherheitsproblem?

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Die Luftfahrt befindet sich zur Zeit in heftigsten Turbulenzen: Nicht nur setzt ihr die aufstrebende Klimaschutz-Bewegung zu, auch die Absturzserie zweier fabrikneuer Maschinen des Typs Boeing 737 MAX innert weniger Monate erschüttert das Vertrauen in die Aviatik.

Chronologie der Ereignisse

Die Boeing 737 MAX 8 auf einem Präsentationsflug (Foto: © pjs2005 from Hampshire, UK/Wikimedia Commons)

Am 29. Oktober 2018 stürzt eine Boeing 737 MAX-8 der indonesischen Billigfluggesellschaft Lion Air, die als Flug JT 610 auf dem Weg von Jakarta nach Pangkal Pinang war, kurz nach dem Start vom Flughafen Soekarno-Hatta in die westliche Javasee; 189 Menschen verloren ihr Leben. Das Unglück war das folgenschwerste der gesamten Boeing 737-Familie. Erste Untersuchungen zeigten, dass das in den Maschinen der 737 MAX eingebaute Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) das Flugzeug ohne Eingriff der Piloten in einen Sinkflug lenken wollte.

Noch während die Untersuchungen zum Absturz im Gange waren, stürzte am 10. März 2019 eine weitere Boeing 737 MAX-8 ab. Kurz nach dem Start vom Flughafen Addis Abeba verschwand Ethiopian Airlines-Flug ET 302 auf dem Weg nach Nairobi-Jomo Kenyatta vom Radar. Kurz danach herrschte traurige Gewissheit, 157 Todesopfer waren beim Absturz zu beklagen. Weil sich die beiden Unfallhergänge stark ähnelten, veranlassten mehrere Länder ein Flugverbot für einzelne Muster oder gar die gesamte Boeing 737 MAX-Familie.

Ein Flugstopp der Boeing 737 MAX-Familie als einzige richtige Lösung

Das Grounding und die Flugverbote gewisser Länder für die Boeing 737 MAX-Familie sorgte für Wirbel bei Aviatikexperten. Während einige diese Massnahmen begrüssten, erachten sie andere für überzogen, weil die definitive Ursache noch nicht geklärt sei. Aber just dieser Umstand soll das Motiv für eine vorübergehende Stilllegung sein, denn diese hat auch einen psychologischen Effekt. Durch die Stilllegung potentiell gefährlicher Flugzeuge steigt bei den Fluggästen das Sicherheitsgefühl. Und es sollen nicht noch mehr Menschen durch ein fehlerhaftes System sterben.
Auch Aviatik-Experten können falsch liegen, wie das Beispiel von Germanwings-Flug 9525 zeigte: Nach dem Absturz des Airbus A320 in den französischen Alpen wurde der europäische Flugzeughersteller von diversen Experten für das Unglück verantwortlich gemacht, obwohl die Untersuchungen am Ende den Gruppenselbstmord des Ersten Offiziers als Ursache ergaben.

Die Boeing 737 MAX und das Problemkind MCAS

Die Boeing 737 ist der Exportschlager des US-amerikanischen Flugzeugherstellers und ist das bis dato meistverkaufte Passagierflugzeug weltweit. Weil Rivale Airbus seine erfolgreiche A320-Familie mit den neo-Maschinen in ein neues Zeitalter brachte, sah sich Boeing gezwungen, nachzuziehen. Aus Gründen der Effizienz waren grössere Triebwerke vonnöten, welche allerdings aufgrund der Anatomie der Tragflächen im Vergleich zu früheren 737-Modellen weiter vorne angebracht werden mussten. Dies führt allerdings zu einem stärkeren Auftrieb, weswegen die Gefahr eines Strömungsabrisses ansteigt. Um diese Gefahr zu vermindern, greift das oben erwähnte MCAS ein, um die Nase des Flugzeuges wieder zu senken. Allerdings gab es bei der Instruktion der Piloten Mängel, etlichen Aussagen zufolge erwähnte Boeing das MCAS in den Handbüchern nicht, um die Umschulung der Piloten mit bestehendem 737-Rating zu erleichtern. Atypisch für Boeing-Flugzeuge lässt sich das MCAS auch nicht durch gegenteilige Befehle per Steuerhörner deaktivieren.
Boeing sieht sich nicht das erste Mal mit Problemen konfrontiert: Nach dem Absturz des Lauda Air-Fluges 004 im Mai 1991 in Thailand wurde publik, dass das Zulassungsverfahren für den betroffenen Flugzeugtyp der Boeing 767 lückenhaft war – bezogen auf die unfallverursachende Schubumkehr.
Nachdem 2013 gleich vier Flugzeuge des Typs Boeing 787 Dreamliner Probleme aufgrund der eingebauten Lithium-Ionen-Batterien hatten, die in zwei Fällen gar zu einem Brand führten, wurde die gesamte Dreamliner-Flotte weltweit gegroundet. Die US-amerikanische Flugaufsichtsbehörde FAA, welche einerseits bereits das lückenhafte Zulassungsverfahren zur Boeing 767 zu verantworten hatte und sich erst nach Verfügung von US-Präsident Donald Trump zu einem 737 MAX-Grounding überreden liess, wurde damals heftig kritisiert, da sie die Brandgefahr solcher Batterien nicht erkannt haben sollte.

Die Boeing Company

Der Ingenieur William Boeing begann 1915 mit seinem Freund George Westervelt mit der Konstruktion eines Wasserflugzeuges. Später zog sich Westervelt von dem Projekt zurück und Boeing entwickelte seine Flugzeuge weiter. Zu diesem Zweck gründete er die Pacific Aero Products Company, welche bereits ab 1917 als Boeing Aircraft Company firmierte. 1926 stieg Boeing mit der Boeing Air Transport ins US-Postfluggeschäft ein, wenige Jahre später schlossen sich die beiden Firmen mit dem Motorenhersteller Pratt&Whitney zur United Aircraft and Transport Company zusammen. Nach einem Ausschreibungsskandal verfügten die US-Kartellbehörden über eine Zerschlagung des Unternehmens, woraufhin sich Boeing aus dem Geschäft zurückzog.
Aus der Triebwerksparte wurde die United Aircraft Company, welche heute als United Technologies Corporation nicht nur Eigentümerin der Pratt&Whitney, sondern unter anderem auch des Aufzugherstellers Otis ist. Aus dem Fluggeschäft wurde die United Airlines, während der Flugzeugbau als Boeing Airplane Company selbständig wurde.
Boeing ist auch im Rüstungsgeschäft tätig und ist der drittgrösste Rüstungshersteller weltweit. Im Zivilfluggeschäft ist Boeing auch durch Zukäufe von Konkurrenten wie McDonnell Douglas noch vor Konkurrent Airbus die Nummer eins. Das Hauptwerk befindet sich in Everett nahe des ehemaligen Hauptsitzes Seattle, der Hauptsitz befindet sich seit 2001 allerdings in Chicago.

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