Lauda Air-Flug 004: Wie Fahrlässigkeit zum Unglück führte

Was für die Schweiz die Katastrophe des Swissair-Fluges 111 vor der kanadischen Küste in Peggy’s Cove darstellt, ist für Österreich der Absturz einer Lauda Air-Boeing 767-300ER im thailändischen Dschungel: Die grösste Katastrophe in der Geschichte der heimischen Luftfahrt. Hüben wie drüben ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien, wobei im Falle von Lauda Air-Flug 004 das betroffene Flugzeug längst nicht mehr im Einsatz hätte stehen sollen, wenn die Wartungsabteilung der österreichischen Fluggesellschaft die Regeln und Normen befolgt hätte.

Tod im Sturzflug

Eine solche Boeing 767-300 stürzte am 26. Mai 1991 als Lauda-Air-Flug 004 im thailändischen Dschungel ab (Copyright Foto: Wikimedia/John Doe)

Völlig unerwartet unterbrach der Österreichische Rundfunk (ORF) am Abend des 26. Mai 1991 das Programm, als Nachrichtensprecher Hans Georg Heinke in einer Zeit im Bild-Spezialsendung die Botschaft verlies, dass eine Boeing 767-300ER der Lauda Air kurz nach dem Start vom Flughafen Bangkok-Don Mueang abstürzte. Alle 223 Personen an Bord, 213 Passagiere und zehn Besatzungsmitglieder, verloren dabei ihr Leben. Die Maschine war auf dem Weg von Hongkong Kai Lak nach Wien-Schwechat, und legte in Bangkok einen planmässigen Zwischenhalt ein. 12 Minuten nach dem Start setzte nach einer Vorwarnung durch eine nach Konsultation der Checkliste gemäss deren Anweisungen ignorierte Fehlermeldung die Schubumkehr in der Luft ein, was die Piloten die Kontrolle über die Boeing 767-300ER Mozart verlieren liess. Noch während des Sturzfluges brach die Maschine auseinander, Geräusche zerreissenden Metalls sind auf dem geborgenen Cockpit Voice Recorder zu hören. Der Flugdatenschreiber im Heck der Maschine überstand den Aufprall nicht. Die Trümmer- und Leichenteile verstreuten sich über etliche Quadratkilometer im Gebiet von Ban Nong Waeng, nahe der thailändisch-burmesischen Grenze.

Nachrichtenbericht des Schweizer Fernsehens vom 26. Mai 1991 (aus SRF Player)

Lückenhafter Untersuchungsbericht

Der zweite Akt des Dramas bildete die Bergung und die Untersuchung durch die thailändischen Behörden. Während den Leichen während der Bergung Bargeld und Schmuck gestohlen wurde, setzte der Untersuchungsbericht falsche Prioritäten und war insbesondere im Bereich der Wartung von mangelnder Recherche geprägt.
So wurde durch einen zweiten, in Österreich in Auftrag gegebenen Bericht zum Absturz von Lauda Air-Flug 004 publik, dass die Fehlermeldung, welche die Auslösung der Schubumkehr auslöste, in der betreffenden Maschine bereits mehrmals aufgetreten war. Massnahmen der Lauda Air-Techniker lösten das Problem nicht, die in diesem Falle erforderliche Konsultation des Herstellers Boeing fand jedoch nicht statt, was den Regeln und Normen widerspricht. Grund dafür war, dass ein längerfristiger Ausfall einer der beiden 767-300 für eine solch kleine Flotte wie derjenigen der Lauda Air für massive Auswirkungen im Verkehr und auch im wirtschaftlichen Bereich gesorgt hätte.
In Bangkok erhielt die Maschine vom Techniker trotz weiteren Fehlermeldungen die Startfreigabe. Weitere Berichte über technische Fehler an der 1989 dem Verkehr übergebenen Boeing 767-300ER (Kennzeichen OE-LAV) wurden konsequent unter Verschluss gehalten und den Untersuchungsbehörden erst nach Drohung richterlicher Gewalt zugesprochen.
43 der 223 Todesopfer konnten bis heute nicht identifiziert werden. Für sie erwarb die Familie des ebenfalls an Bord von NG 004 umgekommenen Gouverneurs von Chiang Mai ein Grundstück und errichtete auf diesem den Lauda Air Friedhof. Seit der Übernahme der Lauda Air durch die Austrian Airlines stellt diese den engsten Angehörigen dieser 43 Opfer jährlich ein kostenloses Hin- und Rückflugticket Wien–Bangkok zur Verfügung.

Massive Zulassungsfehler

Nach einem Simulationstest mit einer Boeing 777 bezüglich den Auswirkungen der Schubumkehr in die Luft zeigte auf, dass das Ausfahren der Schubumkehr bei 900 km/h eine Drehung der Maschine um 30 Grad pro Sekunde auslöst. Für die Piloten wird es nahezu unmöglich, die Kontrolle über das Flugzeug wiederzuerlangen.
Die US-Luftfahrtbehörde FAA erteilte dennoch die Zulassung für die Boeing 767 – im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Zulassungsverfahren lückenhaft war. Im Simulator wurde die Schubumkehr jeweils in 3500 Meter Höhe bei 500 km/h ausgefahren und nachdem die Piloten die Maschine sicher landen konnten, die Auswirkungen auf die höheren Geschwindigkeiten umgerechnet.
Das Problem betraf jedoch nur Boeing-Maschinen, die mit PW2000-Motoren des US-Herstellers Pratt & Whitney versehen wurden, auch andere PW2000-Triebwerken an 737, 747 und 757 wurden nach dem Unglück überprüft und umgerüstet.
Trotz diesen Problemen markierte der Absturz von Lauda Air-FLug 004 der erste Zwischenfall in der Geschichte der Boeing 767 seit der ersten Auslieferung einer Maschine dieses Typs im Jahre 1982. Danach gab es noch drei verheerende Unglücke mit solchen Maschinen: 1996 überschlug sich eine Maschine der Ethiopian Airways bei einer Notwasserung auf den Kormoren, nachdem die Maschine entführt wurde – 125 der 175 Insassen fanden den Tod. 1991 wiederum stürzte eine dem Lauda Air-Boeing typengleiche Maschine der EgyptAir auf dem Weg von New York nach Kairo vor der Küste von Nantuket (USA) ins Meer, woraufhin alle 217 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord der Maschine ihr Leben verloren. Zudem waren je eine Boeing 767 der United Airlines und der American Airlines während den Terroranschlägen vom 11. September in die beiden Türme des World Trade Centers in New York geflogen.

Die Folgen des Absturzes für Lauda Air

Die Katastrophe von Flug NG 004 hatte zunächst entgegen ersten Befürchtungen keine unmittelbaren Konsequenzen für die Gesellschaft, die in den 1990er-Jahren ihr Streckennetz weiterhin erweiterte, jedoch gegen Ende des Jahrzehnts in die finanzielle Bredouille schlitterte. Der Grund, weswegen des Image der Lauda Air zunächst keinen Schaden nahm, war einerseits die lang anhaltenden Gerüchte über ein Attentat, da ein UNO-Drogenbeauftrager an Bord war, andererseits die auf P & W zurückgehenden technischen Probleme, wenngleich auch die Wartungsfahrlässigkeit der Lauda Air ihren Teil zur Katastrophe beitrug, wurde deren Teilschuld nicht anerkannt.
1999 nahm sie erneut eine Boeing 767-300ER in Empfang, nachdem bereits 1997 eine Boeing 777-200ER ihren Betrieb in den Farben der Lauda Air aufgenommen hatte. Ab 1997 begann Firmengründer und Ex-Formel 1-Pilot Niki Lauda seine Anteile schrittweise zu reduzieren und seit 2001 gehört Lauda Air vollständig der Austrian Airlines. Lauda wiederum übernahm 2003 die marode Aero Lloyd Austria GmbH und schuf aus ihr die Fluglinie NIKI, die er wiederum 2011 an den Lufthansa-Rivalen Air Berlin veräusserte.
Nachdem die Austrian Airlines bereits 2004 den Flugbetrieb der Lauda Air übernahm, wurde die Marke 2012 nach der AUA-Übernahme durch die Lufthansa eingestellt.

Siehe auch

  • Todesflug Swissair 111: Neue Gerüchte über Unfallursache: Cabo Ruivo vom 22. August 2011
  • 25 Jahre Lockerbie: Als Libyen Pan-Am-Flug 103 gesprengt haben sollCabo Ruivo vom 22. Dezember 2013
  • Der Fall Swissair 111 wird immer konfuser: Cabo Ruivo vom 14. September 2011
  • Crossair vernachlässigte Flugsicherung: 24 Tote in Bassersdorfer Wald: Cabo Ruivo vom 24. November 2011
  • 34 Jahre nach Absturz: Schweizer Flugzeug vor Madeira gefunden: Cabo Ruivo vom 25. Oktober 2011
  • Links

  • Der Todesflug der Mozart aus Austrian Wings, abgerufen am 24. Oktober 2013
  • Offizieller Abschlussbericht der thailändischen Behörden zu Lauda Air-Flug 004 (englischsprachig)
  • Seite der österreichischen Journalistin Jenny Maaß zu Lauda Air-Flug 004
  • Deutschsprachiges Protokoll der Aufnahmen des Cockpit Voice Recorders in der ZEIT
  • Detailliertes Aufnahmeprotokoll mit Übersetzung des Cockpit Voice Recorders von Lauda Air-Flug 004
  • Schreckliche Bürde: aus Der SPIEGEL 23/1991, abgerufen auf SPIEGEL Online am 24. Oktober 2013
  • Ende des Aufstiegs?: Mutmassungen über die Auswirkungen des Absturzes auf das Image der Lauda Air kurz nach dem Absturz der Boeing 767-300ER in der ZEIT
  • Lauda Air-Flug 004: Wie Fahrlässigkeit zum Unglück führte
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