Die Farce mit dem SRF-Gipfelstürmer: Nik Hartmann – alles andere ist Beilage

Ein neues Konzept sind die Gipfelstürmer nicht: Die Suche nach dem oder der Besten – ein gern gesehens Sujet im Fernsehen. Nach Die 10, der ultimativen Chart-Show oder den Hit-Giganten in den Niederungen des deutschen Privatfernsehens, springen auch die Damen und Herren vom Schweizer Radio und Fernsehen, kurz SRF, mit den Gipfelstürmern auf diesen Zug auf. Nach einer erfolgreichen ersten Staffel wird nun eine zweite rangehängt. In der ersten neuen Folge der Gipfelstürmer ging es um die beliebtesten Fernsehgesichter der Schweiz. Sieger war ausgerechnet Gipfelstürmer-Moderator Nik Hartmann. Ein Freifahrschein für noch mehr Dauerpräsenz am Bildschirm? Erhält Sven Epiney in dieser Hinsicht einen Nachfolger?

Ein Mittel, um sich aus der Vergessenheit zu befreien

Wird in seiner eigenen Sendung Gipfelstürmer zum Sieger gekürt: Nik Hartmann (Copyright Bild: Schweizer Radio und Fernsehen/Oscar Alessio, 2010)

Die Gipfelstürmer – die Schweizer Antwort auf die RTL-Kiste Die 10 – geht in eine zweite Runde. Statt um die zehn wortwörtlichen Ausrutscher von Dieter Bohlen, dem verbalen Legastheniker vom Dienst, drehen sich die Gipfelstürmer um die Schweizer Top 30 von Legenden, Sängern und – eben Fernsehmoderatorinnen und Moderatoren. Grund genug, die Erinnerung an längst verschwundene und auch verstorbene Persönlichkeiten wie Heidi Abel, Mäni Weber, Kurt Felix oder Léon Huber – wobei man sich fragt, ob Huber mehr für seine langjährige Tagesschau-Moderation bekannt war oder für den Pudelkrieg mit der Ex-Gattin – aufzufrischen. Andere erhielten Präsenz, um aus der Vergessenheit zu geraten. Nicht fehlen durften auch die Dauerpräsenten im Leutschenbach. Damit auch diejenigen zu Wort kamen, die nicht unter den dreissig Beliebtesten aufgeführt wurden, durften sie – eingeblendet – ihren Kommentar dazu geben. Natürlich durften auch Perlen aus dem Archiv nicht fehlen: Sandra Studers erfolgreicher Auftritt beim Concours d’Eurovision de la Chanson/Eurovision Song Contest mit einer Frisur, die eher an eine Haarfönexplosion als an das Werk einer ausgebildeten Hairstylistin erinnert oder Michelle Hunzikers Drannebliibe, Drannebliibe, Drannebliibe-Geträllere bei TV3 (selig).
Waren bei der ersten Staffel an der Seite von Nik Hartmann wenigstens unterhaltsame und einigermassen bekannte Menschen wie Michael Elsener, Maja Brunner, Hanspeter Latour oder Sandra Studer, scharen sich jetzt Susanne Kunz, Andreas Ritschie Ritschard, Walter Andreas Müller und Heidi Maria Glössner um den bärtigen Zuger, so dass zu Sendungsbeginn zunächst einmal der Griff zu Google vonnöten ist, damit man ein Bild hat, wer jetzt da über Zermatt auf dem Hüttenbalkon am Weisswein nippt.
Mit Kunz, Müller und dem späteren Sieger Hartmann waren gleich drei der in der Sendung Erwähnten beim Weisswein vertreten, was als Statement bezüglich Neutralität nicht durch weitere Worte ergänzt werden soll.

Ist Hartmann der neue Epiney?

Man erinnere sich: Es ist nicht allzu lange her, da konnte man Sven Epiney kaum ausweichen. Egal zu welcher Tageszeit man den Kanal von S(R)F 1 wählte, man wurde immer von Walliser angegrinst. Abgesehen von den Samstagabendkisten wie Die grössten Schweizer Talente oder The Voice of Switzerland wurde es ruhig um Epiney; er verlor seine persönliche Taste auf der Fernbedienung wohl an Nik Hartmann: Der Zuger, anfänglich noch als erfreute Abwechslung zu Epiney wirkend, entpuppte sich als neue Allzweckwaffe. Nach den endlosen Wander- (und Auto?)touren mit der inzwischen verstorbenen Hündin Jabba, dem Ungeduscht-als-Hahn-im-Korb-im-Glascontainer-sitzen bei Jeder Rappen zählt und den Dorfkönigsendungen der Reihe S(R)F bi de Lüt – bei denen es am Ende nur darum geht, dass Hartmann all seine Aufgaben gewinnt und die Gäste und Zuschauer zu Nebendarsteller degradiert werden – war es kein Wunder, dass Hartmann zum beliebsten Fernsehgesicht der Schweiz gewählt wurde. Vielleicht kennen die Zuschauerinnen und Zuschauer niemand anderen mehr? Der Gipfel beim Gipfelsturm war die mehrminütige Reprise des Tell-Star. Es gab mal eine Zeit, da war Beni Thurnheer nicht nur als Sportkommentator- und moderator tätig. Diese Zeit war geprägt von seiner Quizsendung Tell Star, deren Hauptthema die Schweiz war. Auch Prominente erhielten Gastauftritte, so lancierte seinerzeit Marco Rima gemeinsam mit Marcello Weber die Karrierre des Cabaret-Duo Marcocello nach ihrem Auftritt bei Thurnheer. Doch statt die beliebte Sendung wieder aufleben zu lassen, wurde als Kandidat Hartmann in die Mitte gestellt. Thurnheer kam ebenso wenig zum Reden wie beim kultigen Sportpanorama-Interview mit Christian Constantin.

Das Streben nach dem Mittelpunkt

Bildet in der Sexualforschung das Streben nach dem G-Punkt ein wichtiges Kapitel, so ist es in der Fernsehgeschichte dasjenige nach dem Mittelpunkt. Dauerpräsenz markieren heisst das Credo. Der Moderator steht im Mittelpunkt, alle anderen sind Beigemüse. Und wehe, diese Rollenverteilung droht zu ändern, dann wird kaschiert. Man erinnere sich an das Kletterduell zwischen Jonas Hiller und Nik Hartmann bei SRF bi de Lüt live aus Herisau diesen Sommer. Der Eishockey-Goalie und somit Spitzensportler Hiller zieht gegen den schmächtigen Hartmann, der ja eher in den Seilen hängt als klettert, den Kürzeren? Ja, weil Co-Moderatorin Annina Campell der Ansicht war, Hiller habe irgend ein Nippeskrimskramsgegenstand nicht regelkonform eingepackt.
Nicht fehlen durfte in der Sendung freilich auch Heimkehrer und Ex-SRG-Intimfeind Roger Schawinski, der natürlich seine Platzierung gleich selbst kommentieren darf und mit Superlativen für sich selbst nicht geizt.

Die Leiden der Leutschenbacher

SRF trauert vergangenen Zeiten nach: Strassenfeger wie Doppled oder nüt, Teleboy oder Spiel ohne Grenzen gehören definitiv der Vergangenheit an. Aber: Das Bier in den Beizen wurde nicht besser, was bedeutet, dass andere Gründe bestehen, dass viele den Samstagabend nicht mehr mit SRF verbringen wollen. Doch was sind dann Ursachen? Konkurrenz durch ARD, ZDF, ORF und all dem privaten Streuselkuchen? Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar oder Ich bin ein Star, holt mich hier raus! haben beileibe keinen ernsthaften Anreiz für jeden Fernsehzuschauer mit ein wenig Verstand und Selbstachtung. Auch in unseren Nachbarländern bekunden die Öffentlich-rechtlichen ihre Probleme mit den Quoten: Wetten, das…? beispielsweise sorgt bei jeder Ausstrahlung für neue Rekorde – allerdings nicht solche, für die sich der ZDF-Intendant auf die Schulter klopft.
Vielleicht wäre eine Neukonzeptionierung des Programms vonnöten und – vor allem – mehr Eigenkreation gefragt. Aus dem Ausland eingekaufte Kisten sind sicherlich nicht höhere Erfolgsgaranten. Man denke: Ein wackelnder Kerl mit Fistelstimme namens Teleboy sorgte für höheren Zuschauerzuspruch als drehende Jurorensitze.

Übrigens: Wer die Sendung verpasst hat, erhält hier die Gelegenheit, sie nachzuschauen:

Links

  • Gipfelstürmer: Sendungsübersicht bei SRF Online
  • Die Farce mit dem SRF-Gipfelstürmer: Nik Hartmann – alles andere ist Beilage
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