Eine Fussball-EM unter keinem guten Stern

Wenige Wochen sind es noch, bis in Warschau die diesjährige Fussball-Europameisterschaft angepfiffen wird. Sie wird jedoch vor lauten Misstönen neben dem Platz überschattet. Polens Co-Gastgeber Ukraine geriet vor allem wegen der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko in heftige Kritik, Politiker zahlreicher Staaten prüfen den Boykott der Spiele oder haben diesen bereits ausgesprochen.

Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine

Bereits seit Jahren steht die UEFA EURO 2012 unter einem schlechten Stern, jedoch eher wegen Problemen im Stadienbau. Kaum waren diese behoben, sorgt nun der Fall Julia Timoschenkos für Aufsehen. Die ehemalige Ministerpräsidentin und heutige Oppositionsführerin wurde im August 2011 wegen angeblichem Amtsmissbrauch inhaftiert. Obwohl sie medizinische Hilfe benötige, erhalte sie diese nicht. Vor allem seit Jahresbeginn gelangt diese Angelegenheit als Symbol von Menschenrechtsverletzungen wieder in den Mittelpunkt des Weltgeschehens. Auch die Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar im Winter 2010 sorgten ebenfalls wegen solcher Verletzungen für Aufsehen. Diverse Politiker haben reagiert und werden auf einen Besuch in der Ukraine verzichten. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann und der portugiesische EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso haben bereits ihre anstehenden Besuche abgesagt, zudem stellt der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle einen allfälligen EU-Beitritt der ehemaligen Sowjetrepublik infrage. Inzwischen sind alle EU-Kommissare dem Ruf Barrosos gefolgt und boykottieren die EM, auch EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy will diesen Schritt vollziehen.
Den Anfang machte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, als er der Teilnahme an einer Konferenz mitteleuropäischer Staatsoberhäupter in Jalta auf der ukrainischen Halbinsel Krim aufgrund der Vorgänge um Timoschenkos Haftverhältnisse eine Absage erteilte. Unbewusst setzte Gauck ein Signal, denn der Zustand Timoschenkos als Symbol für den Zustand und die Lebensumstände zahlreicher Dissidenten und Oppositionellen gelangte ins Bewusstsein der Weltbevölkerung. Auch Angela Merkel erwägt einen Boykott der Spiele.
Übrigens nichts davon wissen will der Schweizer Verteidigungs- und Sportminister Ueli Maurer, er wird das Eröffnungsspiel der EM in Polen besuchen. Ausgerechnet Maurer, welcher seinem Vorgänger Samuel Schmid unzählige Besuche an Anlässen vorwarf, kann nicht mal ein politisches Zeichen setzen.

Konsequenzen eines Boykotts

Ukrainische Politiker wie Timoschenkos Parteigenosse und Profiboxer Witali Klitschko ereilte der Boykottidee eine Absage, es würden Konsequenzen an der falschen Stelle anfallen. – sprich, es würden die falschen Personen darunter leiden. Auf der anderen Seite ist die berechtigte Frage zu stellen, ob das Volk wirklich von einem solchen Grossanlass profitieren kann, oder nur die so genannte High Society aus machthungrigen Politikern und mediengeilen Prominenten. Fernsehaufnahmen werden gewiss nicht solche Problemzonen zeigen, denn die Gastgeber sind stets auf ein poliertes Saubermann-Image bedacht. Als die EURO vor vier Jahren in der Schweiz und Österreich über die Bühne ging, sorgte vor allem der Umstand für Unmut, dass etliche Plätze von Sponsoren kostenlos verteilt an teilweise fussballuninteressierten Prominenten werden konnten, während die Fussballfans aus dem Fussvolk aussen vor blieben. Was hat ein Spiel nur von einem gelangweilt in ihrem Designertäschchen wühlenden Starlet (egal ob sie eine Spielerfrau/ -freundin/ -affäre ist)?
In der Sportwelt würde ein Boykott von politischer Seite her für kein grosses Aufsehen sorgen, jedoch würde eine leer stehende Ehrentribüne kein gutes Licht auf den Gastgeber werfen. Als ehemalige Sowjetrepublik würde die Ukraine aber wohl auch hier (böse Zungen würden behaupten, mithilfe Russlands) zu helfen wissen und ähnlich wie Nordkorea an der WM 2010 extra Personen für einen solchen showmässigen Auftritt engagieren. Es ist zu hoffen, dass dann die Welt weniger auf die Selbstinszenierung hereinfällt wie vor zwei Jahren, als gewisse Freude gegenüber den leidenschaftlichen Nordkoreanern, wie sie bei der Nationalhymne geweint haben, gehegt wurde.
Mit dem Boykott fordern die Politiker übrigens die Freilassung Timoschenkos vor Anpfiff der EM. Die Chancen dafür stehen aber äusserst tief. Staaten wie Deutschland oder die Schweiz haben der ukrainischen Regierung bereits angeboten, Timoschenko auszuliefern, um ihr die notwendige medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Wird der Sport im Vordergrund stehen?

Es bleibt zu hoffen, dass trotz der Posse der Sport zwischen dem 8. Juni und dem 1. Juli im Vordergrund stehen wird. Sollte die UEFA der Ukraine die Austragungserlaubnis entziehen, würden andere Staaten mit vorhandener Infrastruktur in die Bresche springen, so beispielsweise Deutschland. Eine solche Massnahme ist zu prüfen, denn Menschenrechtsverletzungen sind intolerabel und aufs Schärfste zu verurteilen. Leider werden durch Vergaben sportlicher Grossanlässe wie Olympische Spiele, Fussball-WM oder Fussball-EM keine Rücksicht mehr auf die innenpolitischen Zustände genommen, so dass sich die Proteste häufen. Die Ukraine ist kein Einzelfall, auch im Vorfeld der in Peking stattfindenden Olympischen Sommerspiele 2008 wurde heftig demonstriert, hier ging es um das Verhalten Chinas gegenüber Tibet und Taiwan. Vielleicht sollten bei Vergaben in Zukunft nicht mehr finanzielle und infrastrukturielle Interessen im Vordergrund stehen, sondern auch solche des Volkes. Staatsmänner wie Gauck oder Faymann haben ein Zeichen gesetzt. Auch wenn jetzt Timoschenko nicht freigelassen wird, die Welt ist trotzdem auf die Zustände in der Ukraine aufmerksam gemacht worden. Da nutzt Propaganda in Form von modernen Infrastrukturbauten auch nichts mehr, wenn man über das Leben hinter den Kulissen oder abseits der Hauptachsen im Bilde ist. Nicht von ungefähr haben viele Sozialprojekte hierzulande ihr Ziel in der Ukraine.
Während den drei Wochen sollen die unhaltbaren Zustände den Fussball nicht überschatten, doch diesen als Sprungbrett nutzen, um die Probleme bekannt zu machen. Vor vier Jahren sammelte das Rote Kreuz am Rande der UEFA EURO 2008 mithilfe von diversen Spielern Spenden für Minenopfer, dieses Jahr könnte man das Geld für die verarmte Bevölkerung der Gastgeberstaaten einsetzen.
Tagesschau vom 29.04.2012
Bericht der Tagesschau des Schweizer Fernsehens über die Umstände im Fall Julia
Die EURO 2012 markiert übrigens einen Themenshwerpunkt bei Cabo Ruivo, alle Artikel in Bezug auf den Anlass sind auf http://euro2012.caboruivo.ch zu finden.

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