Auf dem Boden der Realität gelandet

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Zwei Tage sind vorbei, seit das Schweizer Fussball-Nationalteam in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 ausgeschieden ist. Die Wunden sind bei vielen noch nicht zu Ende geleckt, aber trotzdem ist es Zeit, zu sagen, dass der richtige Zeitpunkt für so ein Ausscheiden gekommen ist. Zwar ist die Schweiz im Hinblick auf die WM 2014 auf einem guten Weg, doch man muss halt trotzdem realistisch sein.

Nicht nur wir haben Talente
Was wurde in den vergangenen Monaten in unseren Zeitungen gross über die neue Generation in Ottmar Hitzfelds Nationalelf geschrieben, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri wurden Weltklasseattribute zugeteilt, man müsste meinen, zukünftige Weltfussballer werden fast ausnahmslos den roten Pass besitzen. Doch auch andere Nationalmannschaften haben Talente, auch wenn es „nur“ ein so genannter „Fussballzwerg“ wie Wales ist. Die haben in der Vergangenheit viele Spitzenspieler wie ManUnited-Legende Ryan Giggs hervorgebracht, und auch der aktuelle Star der Truppe, Tottenham Hotspurs-Akteur Gareth Bale, schlägt Schweizer Exponenten wie Xhaka oder Shaqiri in Sachen Können um Längen, und ist deshalb bei Ligarivalen wie Manchester United oder Chelsea mehrmals ins Interesse gerückt. Wären Xhaka oder Shaqiri – und natürlich auch die anderen – bei einem ausländischen Spitzenclub angestellt, wären sie nur einer unter vielen.

Es ist keine Selbstverständlichkeit
Auch wenn die Schweiz mit den Qualifikationen zur EURO 2004 in Portugal, zur WM 2006 in Deutschland und zur WM 2010 in Südafrika – bei der EURO 2008 war man als Co-Gastgeber ohnehin qualifiziert – eine beeindruckende Serie hingelegt hat, ist es trotzdem nicht selbstverständlich, dass man an diesen Endrunden teilnehmen kann, denn wir sind keine Fussballgrossmacht. Vor der EURO 2004-Kampagne konnte sich die Schweiz seit der WM 1966 in England gerade mal für zwei Turniere qualifizieren, zur WM 1994 in den USA und zur EM 1996 in England. Daher tut dieses Scheitern ziemlich gut, denn nun wurde man auf den Boden der Realität zurückgeholt und man würde bei zukünftigen Qualifikationen wieder mehr Freude verspüren. Seien wir doch mal ehrlich, die Qualifikationen waren in der Vergangenheit mit sehr viel Glück verbunden, jetzt hat man halt Pech gehabt, weil Montenegro in der 91. Minute den Ausgleich markiert hatte. Wie wurde der Schweizer Fussball in den Himmel gelobt, da seit 2008 stets ein Vertreter in der Champions League vertreten ist? Wie hat SF-Kommentator Sascha Ruefer gebrüllt, als der FC Basel vorletzten Dienstag im Old Trafford bei Manchester United ein 3:3 geholt hat? Die Schweiz auf Augenhöhe mit Grossmächten wie England? Dass ich nicht lache. Basel hat das Remis weniger einer besseren Leistung zu verdanken als der United, die nach der 2:0-Führung den Schlendrian eingesetzt hat. Hätte sie wie in den Schlussminuten (nach dem 2:3-Rückstand) ein Offensivfeuerwerk vollgezogen, wäre Basel mit Ach und Krach von der Insel geschossen worden und Yann Sommer hätte vom vielen Ball-aus-dem-Netz-holen Kreuzbeschwerden gehabt. Wir sind ein kleines Land und werden niemals im Konzert der Grossen mitspielen können. Wenn wir es doch einmal schaffen – aber bitte nur die Nationalmannschaft – dann soll es doch umso schöner sein!

Der Umbruch war zu spät
Auch wenn es wieder mal der Wahrheit entsprochen hatte, dass die Schweiz nicht gewinnt, wenn sie gewinnen soll, dafür aber gewinnt, wenn sie nicht gewinnen soll, ist doch viel Gutes unter Hitzfeld passiert. Junge Leute, die Fussball spielen wollen, haben den Sprung geschafft, während Altstars, die trotz Cluberfolgen in der Nationalmannschaft Schatten ihrer selbst waren, zurückgetreten sind. Wenn auch zu spät. Alexander Frei und Marco Streller hätten schon nach der WM in Südafrika zurücktreten sollen. Dass es auch ohne sie geht, hat das Startspiel gegen Spanien gezeigt, dass dank einer exzellenten Defensivleistung mit 1:0 zugunsten der Eidgenossen ausgegangen ist, in den folgenden Gruppenspielen spielte Frei dann, und die Nationalmannschaft flog nach der Gruppenphase wieder zurück in die Heimat. Streller, der beim FC Basel zweifelsohne ein guter Stürmer ist, hat im roten Dress niemals solche Leistungen abrufen können, während Frei sich immer im Selbstmitleid gesuhlt hat und immer darauf geachtet hat, dass nur er im Mittelpunkt steht. Seine Arroganz wurde niemals kritisiert, dafür aber, dass er bei seiner Auswechslung im Qualispiel gegen Wales, das noch mit 4:1 gewonnen wurde (und nicht dank ihm!), vom Publikum ehrlich gesagt zu Recht ausgepfiffen wurde. Zwar ist das Auspfeifen nicht fair, aber auch nicht seine Eigenschaften, wie beispielsweise das Wegstossen von Teamkollegen beim Torjubel, so geschehen in der Qualifikation zur WM 2010 gegen Griechenland.
Der Umbruch hätte schon nach der WM erfolgen sollen, denn sobald die Mannschaft keinen Druck verspürt, zeigt sie doch ein wenig Spielfreude, wie im Wembley gegen England oder gegen Bulgarien. Darum ist Hitzfeld mit seinen Jungs auf einem guten Weg, wenn im Herbst 2012 die Qualifikation zur WM-Endrunde 2014 in Brasilien beginnt. Hoffentlich dürfen dann Shaqiri und Co. auch an der Copacabana mitspielen. Niederlagen machen einem stark, nicht Siege. Sollte die Mannschaft diesen Tiefschlag überstehen und sich für Brasilien qualifizieren können, wäre das sicherlich ein grösserer Erfolg, als wenn sie die Qualifikation für die EURO 2012 auch nich geschafft hätte. Lehrgeld wie in Wales werden sie sicherlich nicht mehr bezahlen müssen.