Der Justizsalat ist angerichtet

Der Transfer-Hickhack um den FC Sion nimmt immer absurdere Züge an. Die Zahl der beteiligten Parteien nimmt stetig zu und zu guter Letzt hat Sion-Präsident Christian Constantin noch die UEFA und die FIFA angeklagt. Dem Verein droht der Ausschluss aus der Europa League, was allerdings auch Konsequenzen für die gesamte Fussballschweiz haben könnte.


Kindergarten-Alarm

Der Hintergrund des Theaters ist bekannt. Sion hat 2008 einen ägyptischen Torhüter verpflichtet (der übrigens nicht mehr im Wallis spielt), der jedoch noch bei einem anderen Klub unter Vertrag stand. Als Konsequenz verhängte die FIFA eine zweijährige Transfersperre. Das hielt jedoch Christian Constantin nicht ab, im Sommer 2011 in sein Spielzeug zu investieren. Da nahm die Komödie erst recht ihren Lauf. Der Einsatz der sechs neuen Spieler wurde zunächst vom Schweizer Fussballverband untersagt, woraufhin Sion vor dem Bezirksgericht Martigny klagte und von diesem Recht bekam. Die Spieler durften daher beim zweiten Saisonspiel gegen Basel (3:3) eingesetzt werden. Doch die Swiss Football League bekam dicke Post von der UEFA, welche den Entscheid eines Zivilgerichtes als nicht gültig in solchen Fragen erklärte – es sei ein Verstoss gegen die FIFA-Statuten. Für den Sport ist der internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne zuständig. Also reagierte die SFL und entzog wenige Minuten vor Abpfiff die Spielerlaubnis für die Neuzugänge. Gegen Basel spielte Sion „legal“. Doch im ersten Saisonspiel gegen YB (1:2) erhielten die sechs Spieler keine Spielbewilligung, also entschloss sich Sion, gegen die Wertung Rekurs einzulegen.

Nachdem die Neuzugänge dann wieder gegen Luzern (1:1) eingesetzt wurden und die Zentralschweizer ebenfalls unter Protest antraten, wurde das Chaos grösser. In der Zwischenzeit wurde Ligapräsident Thomas Grimm aus dem Fall abgezogen und erhielt gar Todesdrohungen.

Auch Celtic protestiert

Wer gedacht hat, diese Sauordnung konzentriere sich nur auf Gebiete innerhalb der helvetischen Landesgrenzen, wurde bitter enttäuscht. Aufgrund des Cupsiegs 2011 war der FC Sion für die Europa League-Playoffs qualifiziert. Er traf auf den schottischen Vizemeister Celtic Glasgow und setzte sich klar mit 0:0 und 3:1 durch und war den Schotten auch spielerisch überlegen. Celtic legte unverzüglich Protest ein, da nicht spielberechtigte Spieler eingesetzt wurden. Ob die neuen Spieler jedoch für den Unterschied gesorgt haben sollten, ist zweifelhaft.

Am Rande der Gruppenphase-Auslosungen wurde der Vorbehalt gegenüber Sion ausdrücklich erwähnt, auch UEFA-Präsident Michel Platini bekräftigte die Möglichkeit, dass Sion aus der Europa League ausgeschlossen werden könnte, und die Chance recht gross sein. Man verstösst gegen Regeln und muss auch bestraft werden. Das Problem ist nur, dass die UEFA vor den Quali-Spielen wegen dieser Angelegenheit nicht aktiv wurde, sondern erst nach dem Protest der Schotten.

Zu guter Letzt wartet man seit Wochen auf einen letztinstantliches Urteil des Lausanner CAS, das jedoch auf sich warten lässt. Je nach Urteil könnten die Folgen für die Schweiz verheerend sein:

Fünfjahreswertung wird beeinflusst – mindestens

Aktuell steht die Schweiz auf Platz 14 der UEFA-Fünfjahreswertung 2011/12. Momentan sind noch drei Schweizer Vertreter im Europacup vertreten: Der FC Basel in der Champions League, der FC Zürich und Sion in der Europa League. Ende Saison 2010/11 stand sie auf Platz 16 und verliert so auf die nächste Saison hin einen CL-Quali-Startplatz. Mit Platz 14 würde sie ihn ein Jahr später wieder zurückerobern. Durch die erfolgreiche Qualifikation – Sion hat als einziger Schweizer Vertreter eine EC-Qualifikation unbeschadet überstanden (Basel war direkt qualifiziert, Zürich scheiterte im CL-Play off), und somit Punkte geholt. Bei einem Ausschluss des FC Sion ist jedoch unklar, ob die erspielten Punkte an Celtic und somit Schottland weitergehen, oder ob sie in Besitz der Schweiz verbleiben. Dies wäre im Hinblick auf die Verteilung von CL-Qualifikationsplätzen eine wichtige Frage, die unbeantwortet ist.

Es könnte aber noch wesentlich verheerender enden: Die FIFA besitzt die Befugnisse, wegen dem Regelverstoss sowohl die Schweizer Nationalmannschaft als auch Schweizer Vereine für ein oder mehrere Jahre von internationalen Wettbewerben auszuschliessen. Und dies alles nur wegen einem solchen Clown.

Die Schweiz ist aber zu einem gewissen Teil selber schuld, denn sie hätten Sion gar nicht zur Qualifikation antreten lassen, sondern den nächsten Verein nachrücken lassen müssen. Da Thun ebenfalls in der EL-Kampagne engagiert war und in die Play-offs vorstiess, hätte anstelle des FC Sion Luzern antreten sollen. Der türkische Verband hat in Bezug auf den Manipulationsskandal in der Süper Lig konsequenter reagiert und Fenerbahce aus der Champions League zurückgezogen und durch Vizemeister Trabzonspor ersetzt.

Constantin siegte bereits einmal

Das Urteil ist insofern unsicher, da es Constantin schon einmal gelungen ist, einen bizarren Rechtsstreit zu gewinnen, was einschneidende Folgen mit sich brachte: Aus finanziellen Gründen wurde Sion 2003 von der damaligen NLA (heute Axpo Super League) in die 1. Liga zwangsrelegiert. Constantin klagte daraufhin vor Gericht für eine Teilnahme an der Challenge League. Er gewann den Prozess und die Swiss Football League wurde gezwungen, die zweithöchste Spielklasse auf 17 Vereine aufzustocken. Da jedoch der Saisonstart bereits erfolgt hatte, startete Sion mit dreimonatiger Verspätung in den Wettbewerb und der gesamte Spielplan wurde über den Haufen geworfen, auch deshalb, weil noch Spiele nachzuholen waren.

Na dann hoffen wir mal, dass eine anständige Lösung gefunden wird. Regelverstösse sind ohne Ausnahme zu beanstanden, jedoch sollten sie so ausfallen, dass nicht ein gesamtes Land deswegen bestraft wird. Es wäre eine Lösung, dass die UEFA zwar Celtic in die EL-Gruppenphase lässt, die sportlich erkämpften Punkte der Fünfjahreswertung jedoch der Schweiz lässt.

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