Als die Schweiz den Atem anhielt ist zu Ende: Jetzt darf sie wieder atmen…

Jeweils Dienstags hat das Schweizer Fernsehen in der DOK-Reihe Als die Schweiz den Atem anhielt in insgesamt sieben Folgen Katastrophen, die unser Land betrafen, wieder in unser Bewusstsein gebracht. Eine Serie, die mich bewegte, mal regelmässig das SF-Dokumentationsfenster zu sehen und die einzelnen Folgen gar als Podcast bei iTunes herunterzuladen. Zurück bleibt aber ein zwiespätliger Eindruck.


Gutes Handwerk der Filme

Auf den ersten Blick haben alle Filme ein gutes Handwerk. Obwohl von diversen Filmemachern inszeniert, gibt es doch irgendwie ein paar rote Fäden durch die Serie. Zum Einen trat der emerierte Philosophieprofessor Georg Kohler in jeder Folge auf, um die Ereignisse zu kommentieren. Man hätte ihm ruhig mehr Sendezeit geben dürfen, denn seine Bemerkungen hatten immer mehr als ein Quäntchen Wahrheit hinter sich. Zum Andern kamen in den Filmen jeweils Direktbetroffene von damals zu Wort oder wurden auf den Reisen zu den Schauplätzen, sofern diese nicht in der Schweiz lagen, begleitet.

War die Katastrophe von Menschenhand verursacht, so zum Beispiel in Sachen Terrorismus, wurde nicht nur die Opferseite dargestellt, auch die Täter von damals kamen zu Wort. Ich möchte jetzt nicht falsch verstanden werden: Ich verurteile solche Verbrechen mehr als alles andere, sie sind absolut unnötig, doch um die Taten und die Beweggründe zu verstehen, muss halt auch mit den Verursachern gesprochen werden. Was die Täter in der SF-Serie anbelangt, ihre Beweggründe waren nicht plausibel.

Fragwürdige Auswahl

Was bei den Filmen doch ein wenig enttäuschend war, waren die Auswahl der Themen. Die Filme handelten von dem Erdrutsch in Gondo/VS, der 13 Todesopfer forderte, der Schiesserei von Luxor – wo 36 der 62 geforderten Menschenleben Schweizer waren -, der Brand von Schweizerhalle/BL, das Canyoning-Drama bei Wilderswil mit 21 Toten, der palästinensische Terror in der Schweiz mit Attentaten und Flugzeugentführungen, das Hochwasser 2005 im Berner Oberland mit zwei Todesopfern in Brienz und zu guter Letzt das Swissair-Grounding. Meiner Ansicht nach hatte es aber noch andere Ereignisse in der Schweiz gegeben, die sich vielleicht noch mehr als die Erwähnten auf die Nachwelt ausgewirkt haben. Hätten wir ohne den Brand im Gotthard-Strassentunnel 2001 heute relativ schlaue Verkehrskonzepte auf der Nord-Süd-Achse? Oder was ist mit dem Attentat von Zug, mit 14 Toten der grösste Massenmord der Schweizer Geschichte? Ist die Innerschweiz nicht wichtig genug, stattdessen wurden Themen verwendet, die kein einziges Todesopfer forderten! Was ich am meisten vermisste, war der Swissair-Absturz bei Halifax 1998, bei dem 229 Menschen ihr Leben verloren. Auch Luxor und die Flugzeugentführungen von der PFLP hatten sich ausserhalb der Schweizer Grenzen ereignet. Halifax brachte das Bild der Swissair zum Erschüttern – aber man redet ja lieber vom Grounding drei Jahre danach. Und das Hochwasser 2005 hat nicht nur im Berner Oberland gewütet, sondern im gesamten Alpenraum der Schweiz und den angrenzenden Ländern.

Einschlägige Bewertung und grosse Verwirrungen

Ebenfalls ein Mangelpunkt war die eher einschlägige Bewertung. Die Floskel „Die Schweiz stand unter Schock“ wurde in nahezu jeder Folge erwähnt, auch wenn es in Tat und Wahrheit wohl kaum jemand gekratzt hatte. Die Ereignisse sind geschehen, haben vielleicht kurzfristig berührt, doch im Nachhinein gerieten sie wohl sehr schnell wieder in Vergessenheit.

Ziemlich misslungen war die Folge über die PFLP-Aktionen in der Schweiz: Sie handelte drei Ereignisse ab, die miteinander nicht unbedingt im Zusammenhang standen. Den Anfang bildete die Ermordung eines El-Al-Kapitäns durch Palästinenser auf dem Flughafen Zürich, bei dem die Schweiz in den Mittelpunkt des weltweiten Interesses gerückt sei. Das kann ich beim besten Willen nicht glauben. Gerade heute starben bei einer Schiesserei in Israel mehrere Menschen, doch abgesehen von den Standard-Berichterstattungen in den Medien gehen solche Ereignisse doch unter. Zwar hatte der Israel/Palästina-Konflikt schon grosses Medienecho ausgelöst, man denke nur an die Geiselnahme an den Olympischen Sommerspielen 1972 in München. Aber dass das Attentat von Kloten einen Meilenstein in der Nahostpolitik darstellte, ist schwer zu glauben. Nicht anzuzweifeln ist die Bedeutung des Attentats im Konflikt an sich. Die Festnahme der Attentäter löste in Jahr später die Entführungen von Maschinen der Swissair, der British-Airways-Vorgängerin BOAC und der US-Airline TWA, welche zu einer Notlandung in der jordanischen Wüste nache Zariq gesprengt wurden. Im Zuge der Freipressung der Klotener Attentäter wurden die Geiseln schrittweise freigelassen und die Flugzeuge danach gesprengt. Dazwischen wurde im Film der Anschlags auf den Swissair-Flug 330 am 21. Februar 1970 eingebracht, der jedoch in keinem Zusammenhang mit den beiden anderen Ereignissen stand. Die Paketbombe, die übrigens explodierte, als die Maschine just das damals noch existente, auf dem Dach der heutigen RUAG montierte Funkfeuer Brunnen/SZ passierte, war nämlich gar nicht für die Swissair bestimmt, sondern für die El Al – der betreffende Flug wurde wegen eines Maschinenschadens annuliert. Der SR 330-Absturz hätte eine eigene Folge verdient. Als Trost bleibt der Dokumentarfilm, der von der ARD dem Unglück gewidmet wurde, der im Gegensatz zum SF-Film einen ganz wesentlichen Aspekt des Anschlags als Hauptthema hat: Die Täter, obwohl sie bekannt waren, wurden nie strafrechtlich verfolgt. Auch um SR 330 ranken sich Gerüchte, an Bord sollen sich Goldbarren befunden haben.

Für persönliche Verwirrung hat bei mir die letzte Folge über das Swissair-Debakel, die letzten Dienstag über die Bildschirme flimmerte, gesorgt. Der Film hat mit Untertönen den Bund und allen voran Bundesrat Kaspar Villiger als einen der Hauptschuldigen des Groundings bezeichnet, obwohl genau derselbe Sender vor knapp zehn Jahren noch den Banken UBS und CS die Schuld gab. Damals waren die Fronten klar verteilt: Banken = Böse und Corti = gut, dass sich aber drei Sturköpfe nicht auf einen Kompromiss einigen konnten, wurde damals verdeckt. Dass der Bund sich geweigert hat, eine Milliarde für die Swissair lockerzumachen, gelangte niemals an die Öffentlichkeit. Besonders bitter: 2008 erhielt die UBS geschlagene 68 Milliarden Franken Staatshilfe. Sie würde auch mit 67 Milliarden heute noch leben, mit der anderen Milliarde würde die Swissair heute noch fliegen und wäre nicht eine gehobene Billigfluggesellschaft mit dem Namen Swiss. War die Swissair für ihren guten Service und den guten Standard bekannt, fühlt man sich auf Kurzstreckenflügen der Swiss wie in einem Hühnerkäfig und bekommt noch halb gefrorenes Brot – das als „frisch vom Bäcker“ bezeichnet wird – auf den Klapptisch gelegt. Als erste Anpassung an die Vorgängergesellschaft wird das neun Jahre alte Würfellogo der Swiss durch eine Heckflosse ersetzt, wie sie damals die Swissair-Maschinen und -Gebäude zierte. Heute ist sie operativ zwar erfolgreich, jedoch nur dank der Konzernmutter Lufthansa, denn beim Start 2002 schwammen der Swiss die Felle davon und ein erneutes Grounding drohte.

Links

Die Folgen zum Ansehen (Quelle: SF Videoportal):
DOK – Katastrophen vom 05.07.2011
Der Erdrutsch von Gondo, ausgestrahlt am 5. Juli 2011
DOK – Katastrophen vom 12.07.2011
Das Massaker von Luxor, ausgestrahlt am 12. Juli 2011
DOK – Katastrophen vom 19.07.2011
Der Brand von Schweizerhalle, ausgestrahlt am 19. Juli 2011
DOK – Katastrophen vom 26.07.2011
Das Canyoning-Drama im Saxetbach, ausgestrahlt am 26. Juli 2011
DOK – Katastrophen vom 02.08.2011
Im Fadenkreuz des Terrors; ausgestrahlt am 2. August 2011
DOK – Katastrophen vom 09.08.2011
Das Jahrhundert-Hochwasser im Berner Oberland, ausgestrahlt am 9. August 2011
DOK – Katastrophen vom 16.08.2011
Das Drama der Swissair, ausgestrahlt am 16. August 2011

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