Giruno: Erster Stadler EC250 soll Ende 2016 an die SBB übergeben werden

Im Mai 2014 wurde bekannt, dass der Thurgauer Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail die 29 neuen einstöckigen Hochgeschwindigkeitszüge der SBB bauen darf. Sie bewarb sich mit dem „EC250“-Konzept, wobei die SBB Erstkunde des Produkts ist. Der erste des von der SBB als Giruno bezeichneten Hochgeschwindigkeitszuges soll per Ende 2016 für Testfahrten abgenommen werden.

Der Giruno mit 250 statt 249 km/h

Designskizze des Siegers der BeNe-Ausschreibung: EC250 von Stadler Rail (Copyright ©SBBCFFFFS/Stadler Rail Group)

Wird von den SBB als Giruno vermarktet: EC250 von Stadler Rail (Copyright ©SBBCFFFFS/Stadler Rail Group)

Während der Ausschreibungsphase und auch bei der Präsentation des Siegerprojekts EC250 wurde der Hochgeschwindigkeitszug immer mit einer Höchstgeschwindigkeit von 249 km/h angegeben, damit eine tiefere TSI-Klasse erreicht wird, um strengeren Vorgaben bezüglich Achslast zu entgehen. Jedoch erkennt die deutsche Zugsicherung LZB nur jeweils abgerundete Zehnersprünge in den Geschwindigkeiten, weswegen der EC250 nur mit 240 km/h hätte verkehren dürfen, zudem ist für das Befahren italienischer Hochgeschwindigkeitsstrecken eine Mindestgeschwindigkeit von 250 km/h vonnöten. Die SBB liebäugelt mit einer Ausweitung ihres EuroCity-Netzes nach Turin, Venedig oder Florenz – zudem soll der Zug auch über Zulassungen für Deutschland und Österreich verfügen. Deswegen werden die Züge jetzt nach TSI-Klasse I mit einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h verkehren können, im Verspätungsfalle auch im Gotthard- oder Ceneri-Basistunnel. Gemeinsam mit den RABe 503/ETR 610 ist er der schnellste Zug der SBB-Flotte.
Zudem wird von der ursprünglichen Zweiteilung der Flotte abgesehen: Es werden alle 29 Züge mit einem Speisewagen versehen, ursprünglich sollten nur 19 einen solchen erhalten.

Erster Zug soll im Dezember 2016 für Testfahrten an die SBB abgegeben werden

Der Zeitplan sieht eine Auslieferung der 29 Züge ab 2017 an die SBB vor. Per Ende 2016 sollen die Bundesbahnen dem Hersteller Stadler Rail den ersten Zug für Testfahrten abnehmen können. Während der Hersteller Stadler Rail mit dem Zug seine Hochgeschwindigkeitsplattform EC250 lanciert, wird er von Seiten der SBB als Giruno vermarktet, einem Kunstwort, das an das rätoromanische Wort für Mäusebussard anlehnt. Die 29 Züge der ersten Serie werden ausschliesslich am Gotthard zum Einsatz kommen, sowohl die EuroCity-Züge Zürich HB–Milano Centrale, als auch die InterCity-Züge Basel SBB–Lugano bzw. Zürich HB–Lugano sollen mit dem Giruno gefahren werden. Während die Fernverkehrszüge der Zürcher Achse im Gotthard-Basistunnel mit einer Regelgeschwindigkeit von 200 km/h verkehren werden, sollen die zweistündlich verkehrenden InterCity-Züge Basel SBB–Lugano im Tunnel mit 230 km/h verkehren, damit zwischen Arth-Goldau und Bellinzona trotz des Haltes in Altdorf kein Zeitverlust gegenüber den anderen Fernverkehrszügen entsteht. Insgesamt sollen in einer elfteiligen Gliederzug-Einheit 403 Passagiere Platz finden, davon 117 in der ersten Klasse, zuzüglich 17 Speisewagenplätze.
Aufgrund der Viersystem-Ausrüstung (25 kV 50 Hz Wechselstrom, 15 kV 16.7 Hz Wechselstrom, 3000 V Gleichstrom und 1500 V Gleichstrom) wird der Zug wohl die Typenbezeichung RABe 504 erhalten.

Ende des umstrittenen Bieterstreits

Nach der Vergabe an Stadler Rail im Mai 2014 reichten beide noch in der Schlussrunde verbliebenen Gegner, Alstom und Patentes Talgo, Klage gegen die Vergabe beim Bundesverwaltungsgericht ein. Während Alstom die Klage später zurückzog, wurde die Beschwerde von Patentes Talgo Ende Oktober 2014 abgewiesen. Beide Anbieter kritisierten die mangelnde Transparenz des Verfahrens, zumal bei der Ausschreibung Referenzen im Fernverkehrsbereich angegeben werden mussten und ausgerechnet Stadler bislang über keine solche in diesem Segment verfügt. Zwar werden einige Fahrzeuge des Unternehmens im Fernverkehr eingesetzt, von der Produktion sind dies aber weiterhin beschleunigte Regionalzüge. Stadler kündigte den Zug auch als ersten Niederflur-Hochgeschwindigkeitszug der Welt an, ungeachtet dessen, dass Patentes Talgo schon seit geraumer Zeit solche auf den Markt gebracht hat. Zudem bewirbt Stadler den Zug mit einer Wertschöpfung aus 80 Prozent in der Schweiz, ob dies nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank immer noch der Realität entspricht, ist ungeklärt. Stadler Rail kritisierte verlorene Vergaben im Ausland in der Vergangenheit immer mit politischen Motiven, ohne sich einzugestehen, dass sie in der Schweiz nicht selten durch eben diesen politischen Einfluss zum Handkuss gekommen ist. Obwohl alle drei Konkurrenten der BeNe-Ausschreibung – nebst Alstom (NewPendolino) und Patentes Talgo (Talgo Avril) auch Siemens (ICx) – bereits Plattformen für Hochgeschwindigkeitszüge im Segement um 250 km/h besitzen, kam der Neuling Stadler zum Zug. Zudem ist das immer wieder geäusserte Argument bei der verlorenen Ausschreibung um die Doppelstock-Fernverkehrszüge der SBB, dass man einen ausländischen Anbieter dem Schweizer Vorzeigeunternehmen Stadler vorgezogen hat, nichtig, denn auch Sieger Bombardier betreibt in Villeneuve/VD ein Werk.
Immerhin hat Stadler beim EC250 erstmals den verteilten Antrieb angewendet, bislang sind bei ihren Triebzüge nur die Enddrehgestelle angetrieben, jetzt werden angetriebene Achsen auf den ganzen Zug verteilt.

26 Züge für 26 Kantone, drei Züge für drei Berge

Mittlerweile ist bekannt, welchen Namen die 29 Züge erhalten werden. Nach der Ausrangierung der Ae 6/6 verfügen die Schweizer Kantone über keine Fahrzeuge mit ihren Taufnamen mehr. Deswegen sollen die RABe 504 001 – 026 die Namen aller 26 Schweizer Kantone tragen – in derselben Reihenfolge wie bei der Ae 6/6. Dabei sollen für die Dekoration der Züge die Wappen der 26 Kantonsloks verwendet werden, die seit der Ausmusterung der Ae 6/6 bei SBB Historic gelagert werden. Die 26 Wappen sollen in den Speisewagen angebracht werden, welches Gestaltungselement die drei weiteren RABe 504 erhalten werden, ist noch nicht bestimmt.
Ob die Gemeindeloks der Ae 6/6 ebenfalls einen Nachfolger erhalten werden, ist unbekannt.
Die verbliebenen drei Züge werden nach den Alpenquerungen Gotthard/Gottardo, Ceneri und Simplon/Sempione benannt. Für das Design zeichnet sich die Zürcher Markenagentur Nose verantwortlich.

Links

  • Die Namen des Giruno bei sguggiari.ch – (italienischsprachig)
  • Factsheet zum EC250 (PDF-Datei)
  • Nose gestaltet Neat-Zügezwomp.de vom 20. Mai 2014
  • Rollmaterialvergabe Nord-Süd-Verkehr: Beschwerden gegen Zuschlag für Stadler RailbahnONLINE.ch vom 2. Juni 2014
  • Abweisungsentscheid des Bundesgerichts gegen Patentes Talgo (PDF-Datei)
  • Zwischenentscheid des Bundesverwaltungsgerichtes (PDF-Datei)
  • Giruno: Erster Stadler EC250 soll Ende 2016 an die SBB übergeben werden
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