Video: Chemieunfall im Bahnhof Arth-Goldau

Am 18. November 2014 trat aus einem Güterwagen im Bahnhof Arth-Goldau Gas aus. Aufgrund vorhandener Explosionsgefahr wurde der Bahnhof grossräumig abgeriegelt, was den Zugsverkehr der Gotthardbahn zeitweise zum Erliegen brachte. Der Vorfall zeigte jedoch auch grosse Schwächen im Notfallkonzept der SBB. Sehen Sie das Ereignis und die Auswirkungen in Bild und Video nach dem Break

Vermeintlich leerer Container

Chemieunfall: Der Bahnhof Arth-Goldau wurde evakuiert und abgeriegelt

Chemieunfall: Der Bahnhof Arth-Goldau wurde evakuiert und abgeriegelt

Mit gut zweieinhalb Stunden Verspätung war am 18. November 2014 der HUPAC-KLV 43090 Gallarate–Ludwigshafen BASF Ubf Richtung Norden unterwegs, als er einen geplanten Halt in Arth-Goldau einlegte. Für die Traktion des Zuges war SBB Cargo International zuständig, sie bespannte den Zug auf dem Abschnitt Bellinzona San Paolo-Basel SBB RB mit einer Re 10/10, bestehend aus der Re 4/4 II 11338 und der Re 6/6 11678 „Bassersdorf“. Während des Haltes in Goldau/SZ bemerkte das Zugspersonal Gasgeruch. Ein vermeintlich leerer Containerbehälter der Firma Richter, welcher zuvor Dimethylsulfid enthielt und eigentlich vor Zugsabfahrt hätte gereinigt werden sollen, schlug leck und die bei Kontakt mit Sauerstoff hochexplosiven Dämpfe der farblosen Flüssigkeit trat aus. Nach Alarmierung von Polizei und Feuerwehr wurde der Bahnhof evakuiert und abgeriegelt, der Zugsverkehr auf der Gotthardbahn wurde für geraume Zeit eingestellt. Nach einiger Zeit konnte der Verkehr im Zuger Bahnhofsteil wieder aufgenommen werden, jedoch war ein Aufenthalt auf dem Bahnhofsgelände nicht möglich.

Auswirkungen auf den Verkehr

Die Sperre des Bahnhofs Arth-Goldau hatte grosse Auswirkungen auf den Personen- und Güterverkehr von SOB und SBB. Zunächst fielen alle Regional- und Fernverkehrszüge aus. Später konnten der Voralpen-Express (auf der Teilstrecke Goldau–St. Gallen) und die ICN und IR Richtung Zürich HB sowie die S2 Erstfeld–Baar Lindenpark den Verkehr wieder aufnehmen. Gegen 18:00 normalisierte sich auch der übrige Betrieb. Der schadhafte Güterwaggon wurde wegrangiert und der restliche Güterzug konnte seine Fahrt mit insgesamt knapp acht Stunden Verspätung nach Ludwigshafen wieder aufnehmen. Auch diverse weitere Güterzüge von SBB Cargo, Crossrail, Captrain und BLS Cargo wurden vorzeitig angehalten. Da bei einigen Lokführern die maximale Lenkzeit erreicht wurde, konnten diese Züge bisher ihren letzten Standort nicht verlassen, so beispielsweise der von Crossrail geführte GTS-KV 40184 Piacenza-Zeebrugge Ramskapelle, welcher nach einem gut zweistündigen Aufenthalt in Flüelen noch kurz vor Lenkzeitablauf nach Schwyz gefahren wurde.

Mangelndes Sicherheitsdispositiv der SBB

Der Gasgeruch wurde gegen 13:10 Uhr gemeldet, die Evakuation des Bahnhofs allerdings erst gegen 14:45 vorgenommen. Hinweise im SBB-Onlinefahrplan folgten erst später, (Teil-) Ausfallsmeldungen der einzelnen Züge wurden gar nicht erst ausgeführt. An den Bahnhöfen wurden die Reisenden zunächst nur über den Ausfall ihrer Züge informiert, alternative Reiseverbindungen wurden jedoch nicht angegeben. Aus Wendezeitgründen wurden alle aus Süden kommenden Fernverkehrszüge in Flüelen gewendet, für Brunnen und Schwyz wurden weder Ersatzzüge noch Ersatzbusse zur Seite gestellt. Nach Wiederaufnahme des Betriebs im Zuger Bahnhofsteil konnten die Fernverkehrszüge von/nach Zürich wieder verkehren, an besagten Bahnhöfen hielten allerdings nur InterRegio-Züge, die ICN hielten trotz des Ausfalls der IR-Züge nach Basel SBB nur in Flüelen. Auch hier fehlte für Brunnen und Schwyz eine ädaquate Ersatzbeförderung. Selbst für die Reisenden des ICN 680 Lugano–Basel SBB, der zwischen Brunnen und Basel SBB ausfiel, wurde kein ICN-Zusatzhalt angeboten. Gemäss Nachfrage wurde nicht mal das Zugspersonal des ICN 680 von der Betriebsleitzentrale in Kenntnis gesetzt, wie man die Reisenden informieren soll. Erst später wurden tröpfchenweise Informationen über alternative Reisewege dem Kunden vorgelegt.
Zudem war es bedenklich, dass den herkömmlichen Reisenden auf etwas herablassende Art der als Information bereitgestellten Personen der Aufenthalt im Bahnhofsgelände untersagt war, innerhalb des Sperrgebietes allerdings Medienvertreter ohne Probleme herumspazieren konnten. Es bleibt zu hoffen, dass das Rauchverbot auch bei diesen durchgesetzt wurde.
Zudem scheint das Desaster im Notfallplan auf der schrittweisen Konzentration auf vier Betriebsleitzentralen zu gründen. Obwohl Goldau der Schnittpunkt der von Olten, Zürich-Flughafen und Pollegio/TI gesteuerten Bereiche ist, obliegt das Bahnhofsgebiet den Tessinern.

Die beteiligten Unternehmen sowie der betroffene Stoff im Detail

Für die Traktion des Zuges war SBB Cargo International zuständig. Das im Markt des Transitgüterverkehrs etablierte Unternehmen befindet sich zu 75 Prozent in Besitz der SBB-Division Cargo, 25 Prozent hält der grösste Kunde Hupac. SBB Cargo International setzt im Transitverkehr durch die Schweiz meistens Lokomotiven des Typs Re 4/4 II (Re 420), Re 4/4 III (Re 430), Re 6/6 (Re 620), Re 474, Re 482 und Re 484 ein. Zudem hat sie für den Verkehr von/nach und in Deutschland noch Siemens ES64F4 (Baureihe 189) und Siemens Vectron (Baureihe 193) gemietet.
HUPAC wiederum war früher im Betrieb der rollenden Landstrasse (RoLa) tätig, organisiert heute jedoch Ganzzüge von den eigenen Verladeterminals in Norditalien nach Deutschland, Belgien und die Niederlande. Der vom Unglück betroffene Zug verkehrte vom Terminal Gallarate zum Ludwigshafener Werk des deutschen Chemiekonzerns BASF.
Der betroffene Container befand sich in Eigentum der Firma Curt Richter SE mit Sitz in Köln-Mülheim. Spezialisiert ist das Unternehmen auf den Transport flüssiger Güter auf Schiene und Strasse.
Das schwefelhaltige Dimethylsulfid (DMS, Summenformel C2H6S) wiederum, welches unter anderem auch beim Kochen von Meeresfrüchten in geringen Mengen entsteht, besitzt in der chemischen Industrie vor allem für die Kontrolle über die Entstehung von Koks oder Kohlenmonoxid bei Raffinierung oder anderen petrochemischen Prozessen eine wichtige Rolle. DMS wiederum soll nicht nur für den Geruch des Meeres verantwortlich sein, sondern sei auch eine Ursache für Mundgeruch beim Menschen.

Diskussion über Gefahrenguttransporte

Unfälle wie Viareggio 2009, Lausanne oder Zürich-Affoltern (beide 1994) haben in den letzten Jahrzehnten die Diskussion über Gefahrenguttransporte auf der Schiene immer wieder neu entfacht. Sicherheitskontrollen an Grenzbahnhöfen haben in letzter Zeit den Zustand der Güterwagen und der Transportbehälter unter die Lupe genommen. Trotzdem formieren sich Proteste wegen Wohnquartieren an den Schienen, worauf man aber anmerken muss, dass die Bahnlinie meistens zuerst da war.

Bilderstrecke

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Video

Links

  • Bahnhof Goldau nach Chemie-Alarm wieder offenBote der Urschweiz vom 18. November 2014
  • Nach Gasaustritt in Arth-Goldau: Züge fahren wiederSchweizer Radio und Fernsehen Online vom 18. November 2014
  • Bahnhof Arth-Goldau kurzzeitig evakuiertNZZ Online vom 18. November 2014
  • Fahrpläne der HUPAC im Verkehr Deutschland–Italien (PDF-Datei)
  • Auch hier gibts rollende BombenBerner Zeitung Online vom 1. Juli 2009
  • Interpellation von Susanne Leutenegger-Oberholzer bezüglich Gefahrenguttransporte auf der Bahn
  • Übersicht über Richtlinien für Gefahrenguttransporte auf Strasse und Schiene beim Bundesamt für Verkehr (BAV)
  • Richtlinien von Gefahrenguttransporten bei SBB Cargo und SBB Cargo International (PDF-Datei)
  • Weitere Medien

    Die Fotos befinden sich in Eigentum von Daniel Wachter. Zuwiderhandlung wird umgehend geahndet

    Video: Chemieunfall im Bahnhof Arth-Goldau
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