Zuschlag für die Gotthard-Bergstrecke geht an die SBB – jedoch mit Auflagen

Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels im Dezember 2016 wird für die historische Bergstrecke ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Zukunft war unsicher, Pläne kursierten vom Erhalt der Strecke über eine Umspurung auf Meterspur bis hin zur Umwaldung des Scheiteltunnels in einen Strassentunnel. Die SBB veröffentlichten ein Konzept, bei dem ein Umstieg in Erstfeld nötig war, woraufhin die Südostbahn mit einem eigenen Konzept in den Wettbewerb eintrat. Das Bundesamt für Verkehr gab nun den SBB den Zuschlag, jedoch mit der Vorgabe, dass die Gotthard-Bergstrecke weiterhin mit Fernverkehrszügen befahren wird, somit wird bis mindestens 2017 an den InterRegio-Zügen festgehalten. Danach wird in der gesamten Schweiz die Fernverkehrskonzession neu vergeben.

Keine TILO-Flirts am Gotthard, aber auch kein UNESCO-Weltkulturerbe

Re 460 105-0

Bleibt in der Hand der SBB: Der Verkehr am Gotthard (Symbolbild: Die Re 460 105-0 mit einem Verstärker-InterRegio Göschenen–Zürich HB in Brunnen)

Im August 2013 liessen die SBB verlauten, dass die heutigen InterRegio-Züge Basel SBB/Zürich HB–Locarno ab Ende 2017 bereits in Erstfeld wenden sollen, touristische Verlängerungen an Wochenenden und Feiertagen nach Göschenen inbegriffen. Statt den heutigen Kompositionen mit Panoramawagen sollten Pendelzüge mit IC Bt, EW IV, Bpm 61 und Re 460 zum Einsatz kommen. Um die Bergstrecke weiterhin im Personenverkehr bedienen zu können, sollte die S10 von Biasca über Faido, Airolo und Göschenen nach Erstfeld verlängert werden, dafür wollte das SBB/Trenitalia-Jointventure TILO weitere Fahrzeuge des Typs RABe 524 (Stadler FLIRT) bestellen. Die Züge wären dem Regionalverkehr unterstellt gewesen und von den Kantonen Uri und Tessin finanziert worden.
Im April 2014 wurde bekannt, dass die von den Kantonen Uri und Tessin motivierten Bestrebungen zur Aufnahme der Gotthard-Bergstrecke ins UNESCO-Weltkulturerbe, analog zu den Albula- und Berninastrecken der RhB, vom Bund nicht weiter verfolgt werden und das Beitrittsverfahren sistiert wurde. Der offizielle Grund für den Abbruch des Verfahrens war, dass die SBB nicht zwingend an einem Betrieb der Bergstrecke festhalten will, ungeachtet der Umstand, welche Ingenieurleistungen mit den Kehr- und Spiraltunnels sowie den verschiedenen Brücken und Viadukten am Gotthard vorhanden sind.

Die SOB hatte von Beginn an einen schweren Stand

Bald nach Publikation des SBB-Konzepts bekundete die Schweizerische Südostbahn (SOB) ebenfalls Interesse an der Gotthard-Bergstrecke. Das bereits im darauffolgenden Herbst eingereichte Grobkonzept war gemäss dem BAV jedoch noch unbefriedigend, weswegen die SOB ihr Konzept überarbeitete und es schliesslich im Februar 2014 unter dem Namen Treno Gottardo vorlegte. Es sah einen gegenüber dem SBB-IR halbstündlich versetzten stündlichen RegioExpress-Zug von Arth-Goldau nach Lugano vor, genauso wie die SBB als Bestandteil der Regionalverkehrskonzession, weswegen auf der Nordrampe zwischen Arth-Goldau und Erstfeld die S2 entfallen wäre. auf der Südrampe die S10 zwischen Airolo/Biasca und Castione-Arbedo. Mit dem Ausbau der SOB-Strecke Schindellegi-Feusisberg–Biberbrugg auf Doppelspur wird der Voralpen-Express ab Zeithorizont 2020/2025 zwischen Arth-Goldau und St. Gallen im Halbstundentakt verkehren, das nicht nach Luzern weitergeführte Zugspaar wäre dann mit dem Treno Gottardo zu einem durchgehenden Zugslauf St. Gallen–Lugano durchgebunden worden. Ab 2019 wäre gemeinsam mit dem VAE neues Rollmaterial mit Bistro und WLAN beschafft worden, bis dahin wäre die SOB auf Übergangsrollmaterial angewiesen gewesen. Nachdem die BLS AG bekannt gegeben hatte, ihre ausstehende Option für 18 Triebzüge des Typs RABe 535 (Lötschberger) bei Bombardier Transportation zu ziehen und als RegioExpress-Züge auf den Relationen Luzern–Konolfingen–Bern und Bern–Neuchâtel einzusetzen, wären die 2004 von den SBB erstandenen Einheitswagen III (ex Swiss-Express) der SOB zur Verfügung gestellt worden. Nachdem das BAV der BLS die Nachbestellung mit Hinweis auf geltende Sicherheitsnormen untersagt hatte, fehlte der SOB passendes Rollmaterial.

Weiterführung des InterRegio als beste Lösung

Das Bundesamt für Verkehr hat nun den SBB den Zuschlag erteilt, allerdings unter der Bedingung, dass die Strecke weiterhin von Fernverkehrszügen bedient wird. Folglich bedeutet dies, dass bis mindestens Dezember 2017 die bereits bestehenden InterRegio-Züge nach Locarno im identischen Rahmen weitergeführt werden. Ende 2017 wird die Fernverkehrskonzession schweizweit neu vergeben, nach Rückzug der BLS von den InterCity-Zügen am Lötschberg per Ende 2004 obliegt diese ausschliesslich der SBB. Nach diesem Jahr Betrieb wird die Situation neu beurteilt, wenn der Bund weiterhin an den 1990 erarbeiteten Fernverkehrsvorgaben festhält, bleibt auch das InterRegio-Konzept, ansonsten wird die Gotthard-Bergstrecke zum finanziell subventionierten Regionalverkehr, wo sich wiederum SBB und SOB und allenfalls auch andere Bahnunternehmen für den Betrieb bewerben können.
Das bedeutet auch, dass die S2 weiterhin stündlich von Baar Lindenpark nach Erstfeld verkehren wird, während auf der Südrampe nun der Kanton Tessin den Stundentakt der S10 bis Airolo bestellen muss, damit Ambrí-Piotta und Lavorgo die stündlichen Zugshalte erhalten werden, welche die SOB vorgesehen hat.
Der InterRegio wird ab Dezember 2016 zusätzlich in Altdorf halten, dafür werden im Urner Kantonsbahnhof entgegen ersten Versprechungen bis auf zwei Zugspaare in Randstunden keine InterCity-Züge halten, trotzdem müssen dafür die Perrons verlängert werden.
Zudem soll noch mindestens stündlich ein Güterzug über die Bergstrecke verkehren, vor allem Gefahrenguttransporte dürfen nicht durch den Basistunnel, zudem verfügt der Basistunnel in zwei Nächten pro Woche über ein mehrstündiges Sperrintervall. Pläne zur Umspurung auf Meterspur, um die Schöllenenstrecke der Matterhorn–Gotthard-Bahn nach Erstfeld zu verlängern, dürfen somit nicht verwirklicht werden, genauso wenig wie der schon fast als hirnrissig zu bezeichnende Vorschlag, den Scheiteltunnel zwischen Göschenen und Airolo zum Strassentunnel umzubauen, damit der bestehende Tunnel von 1981 saniert werden kann.
Interview mit Andreas Windlinger vom BAV im Regionaljournal Zentralschweiz von Schweizer Radio und Fernsehen

Die InterRegios sind zwischen Erstfeld und Biasca zwar finanziell nicht gewinnbringend, aber insbesondere an Feiertagen sehr stark ausgelastet, so dass nicht selten Doppelführungen notwendig sind. Mit FLIRT-Zügen hätten die SBB diese Frequenzen wohl kaum bewältigen können:

Touristisches Potential erwecken

Analog zur BLS, welche seit Dezember 2007 den RegioExpress Lötschberger von Bern nach Brig via Kandersteg touristisch vermarktet, möchte auch die SBB die Gotthard-Bergstrecke für den Tourismus attraktiv machen. Ein Bestandteil dafür ist die Erschliessung des Tourismusresorts Andermatt, aber auch zu Wanderungen sollen die Gäste animiert werden. Zudem plant SBB Historic, welche nach Eröffnung des Basistunnels das Depot Erstfeld gänzlich übernehmen wird, regelmässige Extrafahrten mit historischem Rollmaterial über den Berg. Jedoch müssen ihre Fahrzeuge dafür mit ETCS ausgerüstet werden. Analog zum Begriff Lötschberger such SBB Historic einen Vermarktungsbegriff für den heiligen Berg.
Um Presse, Politik und Wirtschaft einen kleinen Vorgeschmack bieten zu können, luden die SBB am 4. Juli zu einer Informationsfahrt ein. In diesem Zuge wurde auch der TILO FLIRT RABe 524 102 im Bahnhof Airolo auf den Namen San Gottardo/St. Gotthard getauft.

Siehe auch

  • Treno Gottardo: SOB veröffentlicht ihr GotthardkonzeptCabo Ruivo vom 4. Februar 2014
  • Wieso ein Ja zur FABI-Vorlage zwingend istCabo Ruivo vom 11. Januar 2014
  • Fahrplankonzept für die Gotthardstrecke: Halbstündlich ins TessinCabo Ruivo vom 8. August 2013
  • NEAT: Weichen für Kantonsbahnhof Altdorf sind gestelltCabo Ruivo vom 22. Dezember 2012
  • Gotthard-Betriebskonzept: Weiterhin Verkehr auf der BergstreckeCabo Ruivo vom 28. Januar 2012
  • Links

  • SBB soll Gotthard-Bergstrecke weiterhin als Fernverkehr betreibenbahnONLINE.ch vom 30. Juni 2014
  • Medienmitteilung der SOB zur Absage (PDF-Datei)
  • Medienmitteilung des Bundes
  • Die SBB gewinnen das RennenNZZ Online vom 30. Juni 2014
  • Gotthard-Bergstrecke bleibt bei der SBBSchweizer Radio und Fernsehen Online vom 30. Juni 2014
  • Meldung von info24-Bahnnews
  • Informationsfahrt Gotthard-Bergstrecke: SBB fährt künftig oben drüber und unten durchbahnONLINE.ch vom 4. Juli 2014
  • Ausschreibung Namensfindung von SBB Historic (PDF-Datei)
  • Angebotsseite der SBB über den Gotthard
  • Zuschlag für die Gotthard-Bergstrecke geht an die SBB – jedoch mit Auflagen
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