Treno Gottardo: SOB veröffentlicht ihr Gotthardkonzept

Trotz der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels Ende 2016 soll die Bergstrecke via Göschenen/UR und Airolo/TI erhalten bleiben. Trotzdem scheinen die SBB kein grosses Interesse an ihr zu haben, wenn man das im August 2013 veröffentlichte Betriebskonzept anschaut. Aus diesem Grund hat sich auch die Schweizerische Südostbahn (SOB) für den Verkehr beworben. Nun hat sie ihr Konzept namens Treno Gottardo (TG) vorgestellt, das sie nun dem BAV und den Anrainerkantonen vorlegen will. Ein Entscheid über den künftigen Betreiber wird im Mai erwartet.

Die SBB will mit FLIRT-Zügen ein UNESCO-Erbe vermarkten

SOB RABe 526

Die SOB will mit dem Treno Gottardo den Verkehr auf der Gotthard-Bergstrecke übernehmen (Symbolbild)

Ab Ende Dezember 2016 wird der SBB-Fernverkehr Deutschschweiz–Tessin vollständig auf die Basislinie verlagert. Die SBB will die Bergstrecke im bisherigen Ausbaurahmen beibehalten, doch wohl lieber als Güterausweichstrecke statt als Personenverbindung: Gemäss dem im August 2013 veröffentlichten Fahrplankonzept sollen die InterRegio-Züge Basel SBB/Zürich HB–Locarno ab Dezember 2016 auf dem Abschnitt Erstfeld/UR–Locarno/TI entfallen. An Wochenenden und an allgemeinen Feiertagen würden die InterRegio-Züge bis Göschenen weiterfahren, damit an diesen nachfragestarken Tagen Direktverbindungen von Basel, Luzern und Zürich ermöglicht werden. Auch die heute eingesetzten Panoramawagen werden von der Gotthardstrecke entfernt, sie sollen dann auf den EuroCity-Linien Zürich HB–Graz Hbf und Zürich HB–Hamburg-Altona zum Einsatz kommen. Stattdessen sollen diese Züge mit IC-Pendelzügen, bestehend aus EW IV, EC-Wagen und Re 460, verkehren.
In Erstfeld müssten dann die Reisenden auf die rückverlängerte S10 Erstfeld–Chiasso umsteigen, die mit sechsteiligen TILO-FLIRTs (RABe 524) aus dem Hause Stadler gefahren wird. Dieses Konzept sorgte für Kritik: Die Gotthardstrecke steht im Auswahlverfahren für das UNESCO-Weltkulturerbe und da würde sich ein Regionaltriebzug, der nicht gerade für Komfort steht, zur Vermarktung als nicht gerade ideal erweisen. Auch der von der SBB immerzu von Lobpreisungen begleitete Angebotsausbau mit der Eröffnung des Basistunnels am Gotthard (GBT) und am Ceneri (CBT) ist nichts anderes als Etikettenschwindel: Klar erhält Zürich den Halbstundentakt ins Tessin und den Stundentakt nach Italien, Basel und Luzern zweistündlich schnellere Direktverbindungen in die italienische Schweiz. Doch es gibt auch Orte an den Zufahrtsstrecken, die zwar mehr Güterzüge durchfahren sehen, aber beim SBB-Konzept einem massiven Angebotsabbau entgegenblicken. Genau hier will die SOB Abhilfe schaffen.

Weiterhin Direktverbindungen ins Tessin

Fernverkehrskonzept auf der Gotthardstrecke, sollte die SOB den Zuschlag erhalten (Symbolbild)

Fernverkehrskonzept auf der Gotthardstrecke, sollte die SOB den Zuschlag erhalten (Symbolbild)

Für den Betrieb der Gotthard-Bergstrecke hat sich auch die Schweizerische Südostbahn (SOB) beworben. Bereits beim Voralpen-Express (VAE), der zwischen Luzern und St. Gallen verkehrt, hat sie es geschafft, durch touristische Vermarktung eine eigentlich schwach ausgelastete Verbindung erfolgreich zu führen. Goldau–Erstfeld und Biasca–Bellinzona sind zwar bei Pendlern beliebt, doch dazwischen ist deren Potenzial zu tief, um eine finanziell rentable Linie zu betreiben. Deshalb will die SOB Wanderer und Tagestouristen anwerben, eine wichtige Rolle soll auch das Tourismusresort Andermatt bieten, denn dessen Gäste sollen mit dem Treno Gottardo bis Göschenen fahren und dann auf die Matterhorn–Gotthard–Bahn nach Andermatt umsteigen.
Gemäss dem von den SBB vorgesehenen Bergstreckenkonzept würden Schwyz, Brunnen, Flüelen und Erstfeld ihre Direktverbindungen ins Tessin ab Ende 2016 verlieren. Die Reisenden müssten zunächst in die entgegengesetzte Richtung bis Arth-Goldau fahren, um danach in die halbstündlichen Fernverkehrszüge durch den Basistunnel umsteigen. Spätestens ab 2020 soll einer dieser beiden Züge zwar auch in Altdorf halten, doch auch mit Berücksichtigung dieses Haltes verschlechtert sich das Angebot unter dem Strich.
Das SOB-Konzept würde diese Direktverbindungen beibehalten und für andere Orte solche schaffen.
Beitrag des Regionaljournals Zentralschweiz von Schweizer Radio und Fernsehen vom 4. Februar 2014

Die verkehrstechnischen Details des Konzepts

Der Treno Gottardo würde auf dem Abschnitt Arth-Goldau–Erstfeld die S2 der Stadtbahn Zug ersetzen, die nunmehr zwischen Baar Lindenpark und Goldau verkehren soll. Dadurch kann auch ein Fahrzeug eingespart werden, so dass die Rentabilität dieser Linie gesteigert wird. Insbesondere der durch teure Ausbaumassnahmen im Bahnhof Zug Oberwil ermöglichte Verdichtungszug zwischen Baar Lindenpark und Zug Oberwil bzw. Walchwil ist sehr schlecht ausgelastet. Durch dieses neue Zugangebot würden Sisikon/UR und Steinen/SZ zwar ihre stündlichen Direktverbindungen nach Zug verlieren, erhalten aber solche ins Tessin dazu. Dabei ist noch anzumerken, dass die SBB ohnehin zu den Hauptverkehrszeiten jeweils in Lastrichtung einen Innerschweizer Sprinter zwischen Erstfeld und Zürich HB planen. So bleibe zur wichtigsten Pendlerzeit die Direktverbindung bestehen.
In Arth-Goldau ist Anschluss an den Voralpen-Express nach Luzern und an den EuroCity nach Zug–Zürich HB möglich, genauso an die InterCity-Züge nach Lugano. Zwischen Arth-Goldau und Erstfeld würde der Treno Gottardo halbstündlich zum IR Basel SBB/Zürich HB–Erstfeld verkehren, und so für Schwyz, Brunnen, Flüelen und Erstfeld erstmals den Fernverkehrshalbstundentakt anbieten, den andere Orte mit kleinerer oder ähnlicher Grössenordnung schon seit Jahren als Standard haben, wie beispielsweise Sursee/LU, Zofingen/AG, Sissach/BL oder Herzogenbuchsee/BE.
Des Weiteren ist so auch eine Entspannung der Kapazitäten möglich, denn eine Parallelführung TG/S2 würde die sechs Güterzugtrassen pro Stunde zum Basistunnel gefährden.
Die Treno Gottardo-Züge würden auf Fahrplänen und Zugzielanzeigern das Kürzel TG erhalten und stündlich zwischen Arth-Goldau und Lugano verkehren. Die SOB möchte bei einem Zuschlag neues Rollmaterial mit Panoramafenster und einem Bistrobetrieb anschaffen. Diese Züge sollen auch WLAN an Bord bieten, ein Umstand, den die SBB nicht erfüllen kann.
Der Zug soll in Lugano schlanken Anschluss an den geplanten RegioExpress Locarno–Lugano–Mendrisio–Stabio–Varese–Aeroporto Milano-Malpensa ermöglichen. Gehalten werden soll in Steinen, Schwyz, Brunnen, Sisikon, Flüelen, Altdorf, Erstfeld, Göschenen, Airolo, Ambrì-Piotta, Faido, Bodio, Biasca und Bellinzona. Von der Haltefrequenz her entspricht der geplante SOB-Fernverkehrszug einem RegioExpress.
Der heute vom InterRegio bediente Abschnitt Bellinzona–Locarno wird ersatzlos entfallen, es verbleibt der bisherige S-Bahn-Halbstundentakt. Dafür erhalten Locarno und Cadenazzo stündlich zwei Züge, die via Ceneri-Basistunnel nach Lugano und eventuell weiter über Mendrisio und Varese zum Flughafen Milano-Malpensa verkehren sollen.

Verlängerung nach St. Gallen geplant

Sollte das Schweizer Stimmvolk am 9. Februar Ja zur FABI-Vorlage sagen, würde im Zeitfenster 2020 die SOB-Strecke zwischen Schindellegi-Feusisberg/SZ und Biberbrugg/SZ auf Doppelspur ausgebaut. Dieser Ausbau ermöglicht die Verlängerung des Treno Gottardo von Arth-Goldau über Pfäffikon/SZ, Rapperswil/SG und Herisau/AR nach St. Gallen. Gleichzeitig wird so auch gemeinsam mit dem Voralpen-Express der Schnellzugshalbstundentakt St. Gallen–Arth-Goldau realisiert.
Bis 2006 existierte Montags bis Freitags eine Direktverbindung Rorschach–St. Gallen–Locarno (nur in diese Richtung), weil der heute noch existierende Zusatz-InterRegio Rorschach–Zürich HB in Zürich mit einem in der Fahrplanlage des ICN 863 verkehrenden InterRegio verknüpft.

Entscheid bis Mai 2014

Die SOB hat das Treno Gottardo-Konzept nun dem Bund und den betroffenen Kantonen vorgelegt. Der Zug würde sicher von den Kantonen Schwyz und Uri subventioniert werden, da die zu ersetzende S2 jeweils bestellt wurde und diese Bestellung nun auf den Treno Gottardo übergeht. Der Kostendeckungsgrad soll gemäss der SOB zwischen 30 und 45 Prozent betragen. Das letzte Wort hat das Bundesamt für Verkehr (BAV), spätestens im Mai 2014 will es den Zuschlag an einen der beiden Bewerber erteilen, wobei die SOB ziemlich gute Chancen hat, weil ihr Konzept in allen Belangen demjenigen der SBB überlegen ist. Bis 2020 will die SOB nach einem Übergangskonzept fahren, mit gemietetem Rollmaterial und mit Rücksicht auf die anstehenden Ausbauten.
Auch bei einem Zuschlag für die SOB würde die Infrastruktur weiterhin in Besitz der SBB-Division Infrastruktur bleiben.

Ähnliches Konzept der BLS am Lötschberg

Dasselbe Schicksal wie am Gotthard drohte auch der Lötschberg-Bergstrecke, als 2007 der Lötschberg-Basistunnel (LBT) zwischen Frutigen/BE und Raron/VS seiner Bestimmung übergeben wurde. Die BLS AG reagierte darauf mit einem stündlichen RegioExpress zwischen Spiez/BE und Brig/VS und vermarktete ihn als Lötschberger. Gefahren wird mit gleichnamigen Zügen des Typs RABe 535. Seit Dezember 2010 verkehren alle Lötschberger stündlich bis Bern, zwischen Spiez und Bern gemeinsam mit einem Zugsteil aus Zweisimmen. Zwischen Bern und Spiez halten die Lötschberger in Münsingen und Thun, danach bis Brig an allen Stationen der Lötschbergbahn.

Siehe auch

  • Wieso ein Ja zur FABI-Vorlage zwingend istCabo Ruivo vom 11. Januar 2014
  • Fahrplankonzept für die Gotthardstrecke: Halbstündlich ins TessinCabo Ruivo vom 8. August 2013
  • NEAT: Weichen für Kantonsbahnhof Altdorf sind gestelltCabo Ruivo vom 22. Dezember 2012
  • Gotthard-Betriebskonzept: Weiterhin Verkehr auf der BergstreckeCabo Ruivo vom 28. Januar 2012
  • Links

  • Konzepte für Bergstrecke: Ein „Lötschberger“ am GotthardNZZ Online vom 4. Februar 2014
  • Medienmitteilung der Schweizerischen Südostbahn (SOB) zum Treno Gottardo-Konzept (PDF-Datei)
  • SOB stellt sich mit „Treno Gottardo“ dem WettbewerbbahnONLINE.ch vom 4. Februar 2014
  • Präsentation der SOB zum Treno Gottardo (PDF-Datei)
  • Südostbahn kämpft um alte Gotthard-BahnstreckeSchweizer Radio und Fernsehen Online vom 4. Februar 2013
  • Treno Gottardo: SOB veröffentlicht ihr Gotthardkonzept
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