Der Starbucks-Wagen der SBB im Test

Seit dem 21. November 2013 ist er auf dem Schienennetz der SBB zwischen Genève Aéroport, Fribourg und St. Gallen anzutreffen: Der Starbucks-Wagen der SBB. Grund genug, das neue gastronomische Angebot, das bereits im Vorfeld für Diskussionen sorgte, einem ausführlichen Test zu unterziehen.

Testbericht

Der Testbericht unterteilt sich in drei Kategorien: Gastronomisches Angebot, Personal und Inneneinrichtung.

Der Starbucks-Wagen im Bahnhof Bern. (Weitere Bilder finden Sie in der untenstehenden Bildstrecke)

Der Starbucks-Wagen im Bahnhof Bern. (Weitere Bilder finden Sie in der untenstehenden Bildstrecke)

Gastronomisches Angebot (Gewichtung: 50%)
Im Vorfeld Gegenstand hitziger Diskussionen wegen dem teils erheblichen Preisunterschied gegenüber den übrigen, ausschliesslich von elvetino betriebenen SBB-Speisewagen, gilt ein besonderes Augenmerk dieses Tests der Speise- und Getränkekarte. Der auf den ersten Blick hohe Preisunterschied ist zu relativieren, da die im Starbucks-Wagen servierte Menge grösser ist als in den herkömmlichen Speisewagen. Irritierend ist auch die Grössenangabe, der Kunde kann zwischen Tall und Grande wählen – die deutsche Übersetzung führt für beide Grössen das Wort gross. Klarheit ins Chaos bringt die Definition: Tall bedeutet 355 ml, Grande 473. Diese Grössenangaben basieren auf der US-Einheit der Flüssigkeits-Unze (oz), Tall umfasst 12 oz, Grande deren 16.
Sowohl im Unter- als auch im Oberdeck wird dieselbe Karte angeboten, es gibt auch warme Gerichte in Form von Penne al Pesto und Suppe, dazu diverse Backwaren wie Muffins, Sandwiches, Wraps und Croissants.
Die getesteten Penne wurden relativ schnell serviert, der Verdacht von Mikrowellenspeise bestätigte sich. Im Gegenzug zu den herkömmlichen Speisewagen der SBB verfügt der Starbucks-Wagen über keinen Steamer. Es reicht für den Hunger zwischendurch, doch die Bedürfnisse von Gourmets können im Starbucks-Wagen nicht befriedigt werden – denn satt ist man nicht. Die fast notwendigen zwei Gänge mit Salat und Hauptgang führen jedoch zu erheblichem Geldschwund im Portemonnaie.
Schmerzlich wird das Bier vermisst; da Starbucks über keine Lizenz zum Alkoholausschank verfügt, sucht man solche Getränke im Speisewagen vergeblich, eine gegenüber dem elvetino-Angebot reduzierte Auswahl an Bieren und Weinen ist hingegen bei der Minibar erhältlich, die im Zug zirkuliert. Die Pendler, die sich nach Feierabend gerne ein Bier im Speisewagen oder im Bistro genehmigen, gehen somit leer aus. Auch das Angebot an zugleich nicht-alkoholischen und nicht-kaffeeartigen Getränken ist überschaubar, nebst zwei Teesorten und einer heissen Schokolade beschränkt es sich auf Mineralwasser, Apfelschorle und Fruchtsäfte.
Dafür besteht die gefühlte halbe Karte aus den Starbucks-typischen Frappucinos, aber im Gegensatz zu den städtischen Filialen erhält man im rollenden Kaffeehaus seinen Café Creme auch ohne die Auswahl an unzähligen Extrazutaten.
Jedoch gaben die SBB im Januar 2014 bekannt, ab Anfang Februar die Getränkekarte des rollenden Starbucks‘ zu erweitern, unter anderem sollen auch alkoholische Getränke ins Sortiment aufgenommen werden.
Fazit: 3 (von 5) Punkte

Das Personal (Gewichtung 40%)
Die SBB-Tochtergesellschaft elvetino, welche unter anderem für den Betrieb der Speisewagen zuständig ist, figuriert in diesem Falle als Starbucks-Franchisenehmer. Das Personal ist bei elvetino angestellt, absolvierte aber Ausbildungen bei Starbucks, um sie auf den Einsatz vorzubereiten, da sie auch den US-Kaffeekonzern repräsentieren. Die Anforderungen sind vor allem im linguistischen Bereich enorm: Da bei Starbucks Englisch als Businesssprache gilt und der Zug in der West- und in der Deutschschweiz verkehrt, müssen die Angestellten sowohl des Deutschen, als auch des Französischen und des Englischen mächtig sein.
Dem im Testwagen beschäftigten Personal gebührt grosser Lob, insbesondere demjenigen im Obergeschoss. Auf Fragen wurde kompetent geantwortet und auch das Konzept der Starbucks-Wagen hervorragend erklärt, zudem war der Kundendialog ohnehin äusserst unterhaltsam. Auf das von den Starbucks-Filialen bekannte Kreuzverhör wird glücklicherweise verzichtet.
Während im Untergeschoss Selbstbedienung gilt, werden im Oberdeck die Reisenden am Platz bedient.
Fazit: 5 (von 5) Punkte

Die Inneneinrichtung (Gewichtung: 10%)
Im Bistrobereich im Unterdeck des Waggons sind an den Fensterfronten längs zwei lange Holztresen mit Steh- und Sitzbereich zu finden, die davor stehenden Hocker sind fest am Boden verankert. Die Bestelltheke ist an derselben Stelle wie bei den IC2000-Bistroabteilen, just wie dort gilt auch hier im Untergeschoss Selbstbedienung. Aufgrund des Sitzens mit Frontalblick zum Fenster spürt der Fahrgast jedoch die Bremswirkung der IC2000, mit viel Pech landet man auf dem Boden.
Im Oberdeck des Doppelstockwagens besteht eine 2+1-Sitzordnung, wie in der Schweiz üblich in vis-à-vis-Ausrichtung. Die Sitzbezüge sind unterschiedlich, zudem sind Doppelsitze als Bänke angelegt. Die Tische sind wie die Tresen im Untergeschoss aus Holz. Bei Einzelsitzen ist beim Tisch der Platz ein wenig knapp bemessen.
Fazit: 3.5 (von 5) Punkte

Endabrechnung
Insgesamt: 4.05 (von 5) Punkte

Die Chancen des Projekts

Die Umrüstung eines gesamten Speisewagens der IC2000-Flotte entspricht nicht ganz dem Kundenbedürfnis. Den SBB wäre zu raten gewesen, einer der zehn Bistrowagen (BR) umzubauen, in denen sich im Obergeschoss statt gedeckten Tischen weitere Sitzplätze zweiter Klasse befinden. Für den Take away-Bereich im Untergeschoss könnte sich das Starbucks-Konzept bewähren, jedoch nicht im Obergeschoss. Dessen Klientel erwartet eine grössere Auswahl an Speisen und auch die Feierabendbiere wünschende Kundschaft ist nicht zu unterschätzen. Die höheren Preise werden durch grössere Mengen kompensiert, doch ob die Kundschaft die Starbucks-Trägerschaft akzeptiert, wird sich im Pilotversuch zeigen. Anfänglich stösst das Projekt auf grosse Interesse, was freilich auf die Neugier der Bahnfahrer zurückgeht, doch ob sich eine gewisse Stammkundschaft einpendeln wird, die das Projekt auch finanziell erfolgreich machen können, darf nicht mit Bestimmtheit angenommen werden. Besucher des Speisewagens, die diesen vor allem entweder wegen einem Bier oder einer richtigen Mahlzeit aufsuchen, sind beim Starbucks-Wagen jedenfalls an der falschen Adresse, denn er ist auf die üblichen Starbucks-Klienten zugeschnitten.

Der weltweit erste Starbucks auf Schienen

Am 6. März 2012 gaben SBB und Starbucks bekannt, dass die US-amerikanische Kaffeehauskette zwei IC2000-Speisewagen des Typs WRB ausrüsten werde. Dieses Catering-Angebot sei die weltweit erste Starbucks-Filiale auf Schienen. Symbolträchtig sei die Zusammenarbeit von Starbucks mit den Schweizer Bundesbahnen ohnehin, da die erste kontinentaleuropäische Filiale 2001 am Zürcher Central eröffnet wurde, der weltweite Einkauf von Kaffeebohnen wird aus Lausanne gesteuert und alle Kaffeemaschinen in den Niederlassungen werden durch den Hersteller Thermoplan mit Sitz in Weggis/LU produziert. Für Thermoplan ist Starbucks vor Nespresso, Mc Donald’s, IKEA und der Deutschen Bahn der wichtigste Abnehmer.
Der Starbucks-Wagen (WRB 50 85 88-94 005-8) ist seit dem 21. November 2013 in einen Umlauf der InterCity-Linie Genève Aéroport–St. Gallen eingereiht, vorerst bis zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember fährt er an den ungeraden Tagen zweimal von Genève Aéroport nach St. Gallen sowie je einmal von St. Gallen nach Genève Aéroport und nach Fribourg; an geraden Tagen je einmal von Genève Aéroport und Fribourg nach St. Gallen sowie zweimal von St. Gallen nach Genève Aéroport. Im SBB-Onlinefahrplan sind die jeweiligen Züge mit SC gekennzeichnet. Im Frühjahr 2014 verlässt ein weiterer zum rollenden Starbucks Coffee House umgebauter IC2000-WRB (WRB 50 85 88-94 003-3) das SBB-Industriewerk Olten und wird auf derselben InterCity-Linie eingesetzt. Der Pilotversuch ist vorerst auf ein Jahr angesetzt. Sollte sich dieser als erfolgreich herausstellen, könnten weitere Speise- und Bistrowagen der IC2000 und der ICN für das Starbucks-Catering umgebaut werden, jedoch keine Speisewagen in Zügen mit internationaler Zulassung (WRm 61 und ETR 610, ebenso künftig Twindexx und EC-Triebzüge), im Gegensatz dazu sollen bei internationalen Zügen länderspezifische Angebote eingeführt werden.

Bildstrecke

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Der Rundgang durch den Starbucks-Wagen bei CaboRuivoTV


Tagesgespräch von Radio SRF 1 mit Jeannine Pilloud, der Chefin der SBB-Division Personenverkehr, vom 14. November 2013

Siehe auch

  • Starbucks rüstet SBB-Speisewagen ausCabo Ruivo vom 6. März 2012
  • Die Änderungen der Fahrplanwechsel im Dezember 2013 und im Juni 2014Cabo Ruivo vom 14. November 2013
  • Links

  • SBB wollen Alkohol im Starbucks-Wagen20 Minuten Online vom 24. Januar 2014
  • Das rollende Kaffeehaus, Top oder Flop?leumund.ch vom 22. November 2013
  • Starbucks on Rails: Der Kaffee auf der Schiene ausprobiertblog.jonock.ch vom 23. November 2013
  • Weiterer Testbericht zum Starbucks-Wagen auf ice-treff.de
  • Weltpremiere im Bahncatering: SBB und Starbucks lancieren erstes Coffee House auf SchienenbahnONLINE.ch vom 14. November 2013
  • Informationsseite der SBB zum Starbucks-Pilotprojekt
  • Die Fahrpläne der Starbucks-Wagen
  • Details zu den möglichen Erweiterungen des Starbucks-Konzepts
  • Medienmitteilung der SBB zum Starbucks-Wagen
  • Medienmitteilung von Starbucks zum Catering-Konzept mit den SBB (englischsprachig)
  • Bildmaterial der SBB zum Starbucks-Coffee House auf Rädern
  • Starbucks x SBB: Das Kaffeehaus rollt!!!A Cocktail a Day vom 15. November 2013
  • Starbucks auf Schienen – Schau vorbei!SBB Blog vom 15. November 2013
  • Weitere Fotos

    Auf der Facebook-Fanseite von Cabo Ruivo finden sich zusätzliche Fotos.

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