Vom Vierwaldstättersee zum Matterhorn – oder wie 1200 zur Zahl des Tages wurde

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Für Interessierte wird Cabo Ruivo in unregelmässigen Zeitabständen Reiseberichte publizieren. Den Anfang macht eine Tour innerhalb der helvetischen Grenzen, von Brunnen/SZ am Vierwaldstättersee ging es hoch nach Zermatt/VS am Fusse des Matterhorns, wo Reinhold Messner wahrscheinlich immer noch jeden Tag betet, dass Kurt Felix‘ Kiosk nicht zur Realität wird. Die Reise wurde zu einem Wettkampf mit den Wolken und führte zu einer ewigen Feindschaft zwischen dem Autor und dem Bahnhof Visp. Auf geht’s vom Vierwaldstättersee zum Matterhorn.

Etappe 1: Brunnen-Zermatt

Der Grund für diese Reise? Das Nutzen des Generalabonnements, kurz GA. Das GA ist ein blaues Kärtchen, das zur kostenlosen Nutzung des meisten Schweizer ÖV’s berechtigt und von der Autolobby massiv bekämpft wird, weil es zu billig sei.
Als Ausgangspunkt der Reise am 27.8.13 bestieg der Reisende in Brunnen die S3 21326, die mich um 7:08 erstmal nach Luzern bringen sollte. Seit mehreren Jahren wird diese Leistung durch eine Voralpen-Express-Komposition erbracht, was wohl ab Dezember 2013, wenn die SOB den VAE komplett übernimmt, der Vergangenheit angehören wird.

Die Mission "Vom Vierwaldstättersee zum Matterhorn" wird in Angriff genommen.
Die Mission „Vom Vierwaldstättersee zum Matterhorn“ wird in Angriff genommen.
Weil die dazugehörigen Steuerwagen BDt mit demselben Stichdatum auf den Schrottplatz wandern werden, da sie entweder durch einen Triebwagen oder eine zweite Lokomotive ersetzt werden, war das Anlass genug, sich noch einmal auf einen der alten Sitzbänke zu setzen und nostalgische Luft zu atmen. So sentimental zu solch früher Stunde. Ach ja, die Bahnhofsansagen waren im Steuerwagen kaum zu hören, der Verstärker wurde offenbar bereits jetzt ins Alteisen befördert.
Die VAE-Steuerwagen landen bald auf der Schrottpresse
Die VAE-Steuerwagen landen bald auf der Schrottpresse

In Luzern ging’s dann weiter mit IR 2512 bis Bern, geschoben von Re 460 045-8 mit dem Taufnamen Rigi. Der Zug bestand aus dem üblichen EW IV-Pendel, verstärkt mit einem EW IV A und einem zweiten Steuerwagen Bt.
Schob von Luzern nach Genf: Die Re 460 045-8 "Rigi"
Schob von Luzern nach Genf: Die Re 460 045-8 „Rigi“

Während dieses Umsteigens blieb noch Zeit, eine der 18 BLS Re 465 zu fotografieren. Jammerschade, dass die BLS dieses Wunderding der Technik im RegioExpress-Verkehr sich selbst geisseln lässt, statt sie an die SBB zu verkaufen, wo sie an der Seite ihrer Schwester Re 460 hochklassige Dienste verrichten könnte.
Wird unterschätzt: Die Re 465 der BLS
Wird unterschätzt: Die Re 465 der BLS

In Zofingen wurde die Reisegesellschaft auf zwei Personen verdoppelt. In der Bundesstadt angekommen, stand das Umsteigen auf IC 812 an, der mit fünf (!) Minuten Verspätung eintraf und mit ebenso viel Richtung Wallis nach einer Spitzkehre weiterfuhr. Düstere Wolken zogen am Himmel auf, Buchelis Glaskugelei schien leider einmal recht zu behalten – doch der Lötschberg-Basistunnel erwies sich als Hoffnungsträger. Tatsächlich schien in Lonza-City die Sonne durchzudrücken. In deren Bahnhof, Visp genannt, wurde sogleich die Unterführung ausprobiert, die den Menschenmassen tatsächlich nicht gewachsen ist.
In einer altertümlich anmutenden MGB-Komposition, gezogen von einer HGe 4/4 II, wurde das Mattertal teilweise mittels Zahnstange erklommen.
Die HGe 4/4 II als Spezialistin für die Strecke Visp-Zermatt
Die HGe 4/4 II als Spezialistin für die Strecke Visp-Zermatt

Markantester Punkt auf der Reise war der Schuttkegel des Bergsturzes von Randa 1991, um den herum Bahn und Strasse neu errichtet wurden.

Der Wolkenhimmel riss auf und es herrschte tatsächlich berechtigte Hoffnung, dass die Toblerone-Vorlage tatsächlich zu sehen sei.
Direkt an den Kopfbahnhof schliesst die von kuckucksuhrenhäuschenähnlichen Chalets gesäumte Hauptstrasse des Ortes, der zudem autofrei ist. Alle Institutionen, sei es Taxi, Post oder Polizei, zirkulieren in Elektromobilen durchs Dorf, die aber wegen der kaum vorhandenen Hörbarkeit für den Fussgänger durchaus heimtückisch sein können.

Das Rückgrat des Verkehrs in Zermatt: Die Elektromobile
Das Rückgrat des Verkehrs in Zermatt: Die Elektromobile

Die ersten 1200 Meter hin- und zurück zur Matterhorn Express-Seilbahn zeigte lediglich, dass der auf deutsch wortwörtlich als „Problemhorn“ übersetzte Berg tatsächlich ein wenig scheu war, er versteckte sich hinter einer Wolke, die partout nicht zur Seite rücken wollte. Deshalb eine kurze Zwischenfrage: Wozu sind Wolken nützlich?
Kaum zu sehen: Das Matterhorn versteckt sich hinter einer Wolke
Kaum zu sehen: Das Matterhorn versteckt sich hinter einer Wolke

Nach dem Abklappern von Migros und Coop – also dem Geniessen von Zermatts Top-Sehenswürdigkeiten, in denen nahezu ausschliesslich Schweizerdeutsch gesprochen wurde – wurden die 1200 Meter erneut auf sich genommen, mit diesmal weit besserem Ergebnis. Langsam zeigte sich das Horn von einer besseren Seite, wenngleich es immer noch den Schutz der Wolkendecke suchte.
Langsam traut sich das Matterhorn, sich in den Vordergrund zu drängen
Langsam traut sich das Matterhorn, sich in den Vordergrund zu drängen

Nach weiteren 1200 Metern Fussmarsch – da sagt noch einer, beim Bahnfahren übt man keinen Sport aus – durfte am Bahnhof festgestellt werden, dass der Halbstundentakt doch nicht ganztags gilt, weshalb auch die weniger schönen Seiten Zermatts erkundigt wurden. Die Unterschiede schockierten ganz gewaltig, weswegen auf Fotos verzichtet wurde, auch um einer Verleumdungsklage des Zermatter Tourismusvereins zu entgehen.
Zum mittlerweile fünften Mal auf dem Kirchplatz angekommen, durfte nun das beste Foto des Matterhorns geschossen werden, ein grosses „Check“-Häkchen auf der To-Do-List der 1000 Places to see before you die durfte angebracht werden. YEAH!
Das beste Bild, das sich vom Matterhorn schiessen liess. Für eine Postkarte reicht es nicht, für Cabo Ruivo schon
Das beste Bild, das sich vom Matterhorn schiessen liess. Für eine Postkarte reicht es nicht, für Cabo Ruivo schon

Etappe 2: Auf demselben Weg zurück

Im Bahnhof stand derweil die Stadler Rail-Kiste ABDeh 4/8 in einer Doppeltraktion für den Transport ins Tal bereit, nicht unbedingt das äussere Design verrät die Herstellerin, sondern die Inneneinrichtung, die nach rund einer Dreiviertelstunde für Rückenschmerzen sorgt. Da fragt man sich doch aller Ernstes, wie die SBB ab 2020 mit Flirts über den Gotthard will – aber das ist eine andere Geschichte.

Die neuste Fahrzeuggeneration der MGB: ABDeh 4/8 aus dem Hause Stadler
Die neuste Fahrzeuggeneration der MGB: ABDeh 4/8 aus dem Hause Stadler

Mitleid war mit einer Dame zu bekunden, die sowohl auf Hin- und Rückfahrt passiert wurde, als sie an ihrem Tachymeter (danke ETH Zürich, dass man diesen Begriff lernen durfte) herumwerkelte.
Statt sich in Visp mit den zahlreichen Mitreisenden in die Unterführung und später in den InterCity gen Bern (-Romanshorn) zu zwängen, wurde die Kehre im Briger Bahnhof bevorzugt, der mit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels leider seine Knotenfunktion an den hässlichen Visper Kollegen verloren hat.
Ein Bäckereibesuch später stand bereits der IC 837 nach Romanshorn bereit, leider schaffte es nur der Bistro-/Zweitklasswagen vor die Linse, nur als Erinnerung an die SBB, dass sie diesen bitteschön auch in einen Bistro-/Speisewagen umbauen möchten, aber bitte ohne diese Kapitalisten von Starbucks.

Einer der verbliebenen IC2000-Bistrowagen
Einer der verbliebenen IC2000-Bistrowagen

Schon langweilig, dieselbe Hin- und Rückfahrt, oder? Es bleibt aber keine andere Wahl, solange die Anschlussstation in Göschenen weiterhin unbefriedigend bleibt, was aufgrund der Fixierung auf Visp – gibt’s überhaupt etwas Positives an diesem Bahnhof???! – noch ein Weilchen andauernd wird, ist die Fahrt via Andermatt-Schöllenenbahn-Gotthard-IR leider keine Option. Oder auch zum Glück, wenn man sich dieses Geschreiüber das angeblich so wundervolle Goms nicht anhören möchte.
Nach dem erzwungenen Mithören eines Grossmutterklatsches über Problemkinder und kleiner werdenden Rentnerreisegruppen zwischen Spiez und Bern hiess es wieder einmal: Sich durch den – nebst dem Liebling des Schreiberlings – wohl misslungensten Bahnhof der Schweiz zu quälen. Der Gang über die Treppe fühlte sich an wie eine Prozession auf den Tempelberg, auch auf der Welle wurde keine Atempause zugelassen. Unglaublich, man fühlte sich in der angeblich langsamsten Stadt der Schweiz gestresst! Vielleicht lag es auch am immerzu präsenten Dialekt, der aus jedem Mann eine weiblich wirkende Person macht.
IR 2537 kam wegen einer Stellwerkstörung in Flamatt chez Berne leicht verspätet an, trotzdem wurde der EW IV B in Beschlag genommen, ins Abteil gesellte sich noch ein Herr, der bis Luzern wohl all seinen Telefonkontakten unbedingt erzählen musste, dass er spontan den Zug bestiegen hat und jetzt unbedingt diesen und jenen im Casino treffen wird. Schön für ihn! Aber die iPod-Klänge konnte man dadurch auch weniger verstehen? Lautstärke aufdrehen? Nichts da, man will ja schliesslich mit 60 nicht jeden Satz mit „Hä?“ quittieren.
In Zofingen verliess die Verstärkung den Zug und es ging durch Regen, nein, heftiges Pissen Richtung Leuchtenstadt, die eher Pfützenstadt heissen soll, wo wegen der Verspätung des IR ein Usain-Bolt-ähnlicher Sprint durch die hintere Unterfühung notwendig war, um die gute alte S3 zu erwischen – die aber lustigerweise noch ein paar Minuten stehen blieb. Kommuniziert das Anschlussabwarten einer S-Bahn doch bitte früher, die S3 interessiert ein bisschen mehr Leute als diese Möchtegern-InterRegios der Zentralbahn! Deshalb gibt’s leider kein Foto vom IR 2537. Warum ein Sprint? Man bekundete keine Lust auf den Gotthard-IR, obwohl er sogar von einer Re 460 gezogen wurde, denn wer möchte schon die kotzhässlichgrässliche Würfelklotzsiedlung zu Auge führen, die man neben dem Bahnhof Rotkreuz hingeklotzt hat?
Ach ja, die S3 kann noch mit dem Satz Nächster Halt Brunnen, Endbahnhof punkten!
Vielleicht wäre die IR-Fahrt spannender gewesen, denn in der S3 war das Tippen dieses Artikels auf dem iPad das Spannendste. Die Route vom Vierwaldstättersee zum Matterhorn und zurück ist vollbracht! Eine herzlichen Dank an den Mitreisenden!