Zürich–München: Reise per Bahn oder per Bus?

Die vier täglichen EuroCity-Züge Zürich–München sind eine Erfolgsgeschichte, trotzdem ist ein Ausbau der Strecke vor allem zwischen Lindau und Geltendorf nicht abzusehen. Private Busunternehmen haben den Braten längst gerochen und bieten viel günstigere Alternativen an, dem SBB und DB neu entgegenhalten möchten. Nicht mit günstigen Bahnspezialangeboten oder mit dem beschleunigten Ausbau, nein, mit eigenen Busverbindungen. Dass der Bus auf dieser Strecke der Bahn das Wasser abgräbt, wird darin ersichtlich, dass sogar die Schweizerische Post damit liebäugelt, die Verbindungen zwischen der grössten Stadt der Schweiz und der bajuwarischen Landeshauptstadt in das Liniennetz der Tochterfirma PostAuto AG aufzunehmen. Bedeutet dies den Untergang der Bahn? Derweil baut insbesondere das Fernbusunternehmen MeinFernbus.de seine Präsenz in der Schweiz markant aus.

Ausbau auf sehr lange Bank geschoben

Antoni Gaudís Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona erhält heftige Konkurrenz in Sachen Länge des Baus durch die Elektrifizierung und dem Ausbau der Strecke Lindau–Geltendorf via Memmingen. Die Schweizerische Eidgenossenschaft beteiligte sich an den Kosten, aber unter der Bedingung, dass der Bau 2015 vollendet ist. Mit diesem Stichtag werden wohl nicht mal die Arbeiten begonnen haben, das Darlehen wird jedoch nicht zurückgezogen. Absichtserklärungen gibt es etwa so viele wie Eheschliessungen Elizabeth Taylors, doch den Worten folgen kaum Taten.

Erhält Konkurrenz auf der Strecke Zürich–München: Die Bahn (Symbolbild: ICE 3 im Münchner Hauptbahnhof)

Erhält Konkurrenz auf der Strecke Zürich–München: Die Bahn (Symbolbild: ICE 3 im Münchner Hauptbahnhof)

Heute dauert die Fahrt mit den vier täglichen EuroCitys zwischen Zürich und München durchschnittlich 4:15 Stunden, über Memmingen ein wenig schneller als via Kempten. Trotzdem ist die Nachfrage gross, weswegen an Wochenenden ein fünftes Zugspaar eingeführt wird, dessen Fussnotensalat mit den Verkehrsdaten liest sich allerdings wie eine Bedienungsanleitung für einen Teilchenbeschleuniger. Zudem ist diese Ankündigung ohnehin nicht viel mehr als Schall und Rauch, an frequenzstarken Wochenenden wie beispielsweise beim Oktoberfest verkehren die betreffenden Züge EC 1297/1298 bereits heute als Extrazug.
Die SBB plant, nach dem erfolgten Ausbau einen Zweistundentakt einzuführen, die InterCity-Linie Genève Aéroport–St. Gallen soll also alle 120 Minuten als EuroCity nach München verlängert werden, was Potential unter anderem in Bern oder der Westschweiz mit sich bringt. Zum Einsatz kommen sollen dann die neuen Twindexx-Doppelstockzüge, die vom kanadischen Flugzeug- und Schienenfahrzeughersteller Bombardier zur Zeit in Villeneuve/VD und Görlitz/GER gefertigt werden und ab 2015 im Regelbetrieb auf dem SBB-Netz anzutreffen sind.
Bis zur Elektrifizierung wird in Lindau von einer SBB-Elektrolokomotive des Typs Re 421 auf zwei DB-Diesellokomotiven der Baureihe 218, die ihren Zenit längst überschritten haben, umgespannt. In Lindau wiederum soll der heutige Kopfbahnhof auf der Insel durch einen neuen Fernbahnhof im Festland-Stadtteil Reutin ersetzt werden.
In der Schweiz wurde der vertraglich festgelegte Ausbau bereits ausgeführt, genauso in Österreich.

Busse haben bei den Kosten die Nase vorn

Seit der Liberalisierung des Fernbusmarktes in Deutschland haben sich zahlreiche Nischenplayer etabliert, sie gelten aufgrund der tieferen Fahrpreise als ernstzunehmende Konkurrenz für die Bahn. MeinFernbus.de hat Zürich mit Destinationen wie Hamburg–Frankfurt (Main)–Freiburg (Breisgau) oder Berlin–München (via Konstanz–Friedrichshafen) in ihr Liniennetz aufgenommen, die Fahrpreise sind normal halb so gross wie diejenige der Bahnfahrt, mit Frühbuchrabatt spart man sogar 75%. Als zweiter Anbieter fährt nun Flixbus zwischen der Schweiz und Bayern, im Gegensatz zu MeinFernbus.de noch mit Halt in St. Gallen, wo auch der EuroCity hält.
Dies lassen die Schweizerischen Bundesbahnen und die Deutsche Bahn, welche gemeinsam mit ihren österreichischen Kollegen der ÖBB die EuroCitys betreiben, nicht auf sich sitzen. Doch statt günstige Spezialangebote für Studenten, Lehrlinge und sonstige junge Leute, die das Klientel der Busunternehmen bilden, anzubieten, oder den Ausbau nun zu forcieren, damit der Zweistundentakt schneller als geplant Realität wird, machen es sich die beiden Bahnunternehmen einfach und steigen fernab ihres Kerngeschäfts ebenfalls ins Busgeschäft ein. Insgesamt vier so genannte InterCity-Busse sollen die vier Zugspaare zu einem Zweistundentakt ergänzen. Die Fahrpreise müssen tiefer als diejenigen der Bahn liegen, da einerseits eine Busfahrt weniger Kosten aufwirft als eine Bahnfahrt, die überdies auch komfortabler ist, zum anderen muss man wirklich eine Konkurrenz aufgleisen. Jedoch riskiert man so auch, dass viele Bahnreisende dann auf den Bus umsteigen, die DB und die SBB kümmert das herzlich wenig, vorausgesetzt, man nutzt die InterCity-Busse. Irgendwann wird es wohl heissen, dass die Züge gegenüber den Bussen im Nachteil sind und man diese zugunsten vier zusätzlicher Buspaare streicht und dann den Ausbau im Allgäu zu den Akten legen wird. Von offizieller Seite der beiden Bahnen heisst es, das Busangebot bleibt nur bis 2020 bestehen, wenn dann der Ausbau abgeschlossen sein wird.
MeinFernbus.de reagiert verärgert auf die Pläne der beiden Staatsbahnen, da die indirekt subventionierten Busse den Wettbewerb verzerren. Dieser dürfte hart umkämpft werden, denn auch die PostAuto AG, grösstes Busunternehmen der Schweiz, prüft, ebenfalls Busse zwischen Zürich und München anzubieten. PostAuto ist bereits jetzt ausserhalb der Schweizer Grenzen vertreten, nebst internationalen Regionalbusverbindungen wie St. Moritz–Chiavenna–Lugano betreibt sie in Frankreich diverse Stadtbusnetze.

Tagesschau von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) vom 24. Juli 2013 zum geplanten Einstieg von DB und SBB und zum möglichen Engagement der Post auf der Buslinie Zürich–München

Das Problem der beiden Bahnen

Wieso es mit dem Ausbau nicht vorangeht, ist nicht die Schuld der SBB und der DB, sondern viel mehr diejenige des deutschen Staates, welche lieber Millionen, gar Milliarden, in einem Tiefbahnhof in Stuttgart oder in einer Bauruine, ehemals bekannt als zukünftiger Flughafen, an der Grenze Berlin/Brandenburg verlocht.
Eine weitere Gemeinsamkeit der SBB und der DB ist, dass von Seiten des Staates von beiden Bahnunternehmen hohe Millionengewinne erwartet werden, hier haben sowohl das UVEK auf Schweizer Seite als auch das deutsche Verkehrsministerium mehr als eine Meise im Kopf; eine logische Schlussfolgerung hier ist, dass der Service auf der Strecke bleibt und Qualitätsprobleme sich bei steigendem Verkehrsbedarf und maximal gleichbleibender Wartungsinvestition häufen.

MeinFernbus.de baut Angebot in der Schweiz aus

Das Fernbusunternehmen MeinFernbus.de erweitert seine Präsenz in der Schweiz markant aus. Nachdem bereits 2013 die oben erwähnten Verbindungen Hamburg–Freiburg–Zürich und Berlin–München–Zürich lanciert wurden, erweiterte man das Streckennetz im Sommer 2014 zunächst um eine Non-Stop-Verbindung Zürich–Mailand. Seit der Einführung des Übergangsfahrplans am Gotthard im Juni 2014 dauert die Bahnreise zwischen den beiden Städten 4:03 Stunden, egal ob mit der Direktverbindung via Gotthard oder der Umsteigeverbindung mit dem InterCity St. Gallen–Genève Aéroport und dem EuroCity Basel SBB–Milano Centrale mit Umstieg in Bern.
Die Verbindung nach Mailand ist eine Verlängerung des Busses Hamburg–Zürich, welcher als Nachtlinie N07 verkehrt, Abfahrt in Hamburg ZOB ist um 19:45, Ankunft in Milano Lampugnano um 13:15 des nachfolgenden Tages. Den Busbahnhof Zürich Sihlquai verlässt dieser Bus um 09:45, mit einer Reisezeit von 3:30 Stunden ist der Bus zwischen Zürich und Mailand eine halbe Stunde schneller als die Bahn. Zudem existiert eine weitere Tagesverbindung Stuttgart–Zürich–Mailand. Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels Ende 2016 kann die Bahn wegen des Ausbaus in Walchwil vorerst nur um 20 Minuten schneller verkehren, im Juni 18 dann schliesslich um weitere 20 Minuten. Freilich sind die Fahrtzeiten der Busse rein theoretisch, zumal der regelmässige Stau vor dem Gotthard-Strassentunnel nicht einberechnet ist.
Per 28. August 2014 wird MeinFernbus.de des Weiteren einen Direktbus Leipzig–Mailand via München, Lindau, Bregenz, Dornbirn, Chur, Bellinzona und Lugano einzuführen. Auf der gesamten Relation verkehrt der Bus einmal pro Tag und Richtung, weitere zwei tägliche Verbindungen werden zwischen München und Mailand angeboten. Diese Busse nutzen innerhalb der Schweiz die A13 via San Bernardino, während die Busse Zürich–Mailand via A1L (Zürich Hardturm–Limmattaler Kreuz), A4 (Limmattaler Kreuz–Brunnen Süd), Axenstrasse (Brunnen Süd–Flüelen), Flüelertunnel (Flüelen–Altdorf) und die A2 (Altdorf–Chiasso) verkehren.

Links

  • Liniennetz von MeinFernbus.de
  • Detailliertes Streckennetz von MeinFernbus.de
  • Angebot und Tarife Hamburg–Zürich–Mailand von MeinFernbus.de
  • Angebot und Tarife Zürich–München–Berlin von MeinFernbus.de
  • Portalseite Deutschland der SBB
  • Eine Bankrotterklärung der BahnTages-Anzeiger Online/Newsnet.ch vom 24. Juli 2013
  • Projektwebsite zum Ausbau Lindau–Geltendorf der DB Netz AG
  • Mitteilung von Pro Bahn Schweiz
  • Zürich–München: Reise per Bahn oder per Bus?
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