SBB bestellen weitere Neigezüge des Typs ETR 610

Die Schweizerischen Bundesbahnen bestellen beim französischen Technologiekonzern Alstom acht Züge des Typs ETR 610, von dem sich bereits sieben Züge in Besitz der SBB befinden. Diese neuen acht Züge sollen als Übergangslösung nach der Ausmusterung der ETR 470 Ende 2016 bis zur schrittweisen Einführung der 29 neuen Züge für den internationalen Nord-Süd-Verkehr zum Einsatz kommen. Kostenpunkt der Bestellung: 250 Millionen Franken, eine Ausschreibung ist nicht vonnöten, weil die SBB damit eine Option von 2004 zieht.

Vorwiegend Einsatz am Gotthard geplant

Nachdem bekannt wurde, dass die SBB und die Trenitalia die pannenanfälligen Neigezüge des Typs ETR 470 per Fahrplanwechsel 2014 aus dem Verkehr ziehen wollen, war eine Übergangslösung für den Nord-Süd-Verkehr am Gotthard gefragt, weil die Mitte April ausgeschriebenen 29 Züge, die nicht mit Neigetechnik ausgestattet werden, erst mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnel im Dezember 2016 schrittweise dem Verkehr übergeben werden. Anfänglich ging man davon aus, dass die SBB wie teilweise bereits heute konventionelle Züge zwischen Zürich beziehungsweise Basel und Mailand einsetzen wird, oder aber ihre sieben ETR 610 vom Simplon an den Gotthard überstellen wird, weil auf dieser Achse im Gegensatz zur Gotthardbahn der Einsatz von Neigetechnik keine massive Zeitvorteile bringt, weil nur gerade die RFI-Strecke zwischen Domodossola und Iselle di Trasquera kurvenreiche Steigungen umfasst. Die acht neuen Züge sollen auch einen Einsatz der ETR 610 am Gotthard ermöglichen, ohne dass auch im Hinblick auf die 2015 in Mailand stattfindende Weltausstellung ein Rollmaterialengpass droht.
Die acht neuen ETR 610 kosten zusammen rund 250 Millionen Franken, eine Ausschreibung war nicht nötig, weil die SBB eine Option zieht, welche von Seiten Alstoms bei der Bestellung der dreizehn ETR 610 für die Cisalpino AG den Eigentümern angeboten wurde. Anfänglich hatte die SBB bekannt gegeben, auf die Einlösung der Option zu verzichten, machte nun aber einen Rückzieher. Anfänglich blieb auch det ETR 610 nicht von Kinderkrankheiten verschont, konnte sich nun aber etablieren.

Der ETR 610 im Detail

ETR 610 der SBB im Bahnhof Montreux

Vom Hersteller Alstom und der Bestellerin Cisalpino wurde der Zug als Cisalpino Due erstmals der breiten Öffentlichkeit vorgestellt, er sollte die erste Generation der Neigezüge, die ETR 470, zunächst ergänzen. Die Cisalpino AG bestellte 13 Züge, welche den Fuhrpark des Unternehmens auf 22 Züge vergrösserte, gleichzeitig wurde an die Trenitalia der nahezu identische Typ ETR 600 geliefert, der im Gegensatz zum ETR 610 nicht mit dem Schweizer Stromsystem ausgestattet wurde. Ab 2005 war die Cisalpino AG für den gesamten grenzüberschreitenden Verkehr zwischen der Schweiz und Italien zuständig, anfänglich wurden auch konventionelle Züge eingesetzt, welche mit der Inbetriebnahme der ETR 610 im Jahre 2008 allesamt auf Neigezüge umgestellt wurden. Für die Lötschberg-/Simplonachse erteilte das Bundesamt für Verkehr die Betriebsbewilligung umgehend, für die Gotthardachse blieb diese ihm verwehrt, da der Zug aufgrund seines hohen Gewichts in den engen Radien der Bergstrecke zwischen Erstfeld/UR und Biasca/TI Gefahr läuft, zu entgleisen. Erst im Juni 2010 wurde die Bewilligung erteilt und der ETR 610 verkehrte nun auch am Gotthard, in Form eines täglichen Zugspaars zwischen Basel SBB und Venezia Santa Lucia, was unter anderem für Luzern die Wiedereinführung von internationalen Direktverbindungen bedeutete.
2009 wurde die Cisalpino AG nach einer haarsträubenden jahrelangen Pannenserie vor allem der zwischen 1993 und 1996 gebauten ETR 470 aufgelöst und die beiden Zugstypen unter den Eigentümern SBB und Trenitalia aufgeteilt. Sieben der ETR 610 gingen an die SBB, sechs an die Trenitalia. Entgegen getroffener Vereinbarungen, die ETR 610 ausschliesslich im internationalen Verkehr Schweiz-Italien einzusetzen, gab die Trenitalia bekannt, ihre sechs ETR 610 am Dezember 2011 nur noch im inneritalienischen Verkehr einzusetzen. Die SBB sah sich gezwungen, ihre sieben ETR 610 ausschliesslich am Simplon einzusetzen, was für das Zugspaar Basel-Venedig das Ende bedeutete: Seit letztem Fahrplanwechsel verkehrt ein ETR 470 von Basel nach Mailand, die Verlängerung nach Venedig wurde aus Rollmaterialgründen gekappt. Heute verkehren die ETR 610 von Basel und Genf über den Simplon nach Mailand, ein Zugspaar täglich wird bis Venedig geführt. Für den Verkehr auf der Gotthardachse waren nun ausschliesslich die ETR 470 bestimmt, aus Wartungs- und Pannengründen stehen jedoch nicht alle neun Züge zur Verfügung, so dass bereits heute einige Züge mit konventionellem Zugsmaterial zwischen Zürich und Mailand verkehren, oder auch RABDe 500 als ICN die Leistungen erbringen, was für die Reisenden ein Umsteigen in Chiasso mit sich bringt.
Die ETR 610 sind siebenteilige Zweirichtungs-Triebfahrzeuge und bieten 430 Personen Platz.
Nach dem temporären Einsatz am Gotthard und der Ablösung durch die 29 neuen Züge bis 2020 könnten die acht neuen ETR 610 entweder das Rollmaterialkontigent am Simplon erhöhen und Verbindungen über Mailand hinaus ermöglichen, oder aber auch auf den kurvenreichen Strecken nach Stuttgart oder München verkehren, denn die ETR 610 sind wie ihre Vorgänger ETR 470 auch deutschland- und österreichtauglich. Von Seiten der SBB wird ein Einsatz auf der EuroCity-Linie (Chur-) Zürich-Basel-Strasbourg-Luxembourg-Bruxelles in Betracht gezogen, zumal diese Verbindung aufgewertet werden muss und zukünftige Züge wegen der Einbindung in den TER200-Takt (200 km/h schnelle Regionalexpresszüge) zwischen Strasbourg und Basel mindestens 200 km/h schnell fahren müssen. Bevor die Züge dort aber zum.Einsatz kommen, müssen sie noch eine Zulassung für Frankreich, Luxemburg und Belgien erhalten.
Die Züge können aber auch im Inlandverkehr eingesetzt werden und beispielsweise als Ergänzung der RABDe 500-Flotte als ICN zum Einsatz kommen.

Herstellerportrait

Hergestellt werden die ETR 610 vom französischen Technologiekonzern Alstom im Werk Savigliano, welches im Zuge der Akquisition von FIAT Ferroviaria 2000 übernommen wurde. Im Eisenbahnwesen ist Alstom, früher GEC ALSTHOM, vor allem als Hersteller aller TGV-Varianten bekannt, weitere Projekte sind der Hochgeschwindigkeitszug AGV und die Regionaltriebzüge Coradia. Ein weiterer wichtiger Geschäftsbereich ist die schrittweise vom Schweizer Konkurrent ABB übernommene Kraftwerksparte, welche aus historischen Gründen ihr Hauptquartier in Baden/AG aufgeschlagen hat. Nebst Baden verfügt Alstom noch über Standorte in Birr/AG und Neuhausen am Rheinfall/SH, in letzterer Stadt ist die Entwicklung von Schienenfahrzeuge angesiedelt, hervorgegangen aus der Schienenverkehrssparte der SIG.

Links

  • Medienmitteilung der SBB
  • Medienmitteilung der Alstom (in englischer Sprache)
  • SBB bestellen weitere Neigezüge des Typs ETR 610
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