Arbeiter verschüttet: Schon wieder Felssturz am Gotthard

Die Natur ist stärker als der Mensch – wieder einmal ist diese Phrase zur Tatsache geworden: An derselben Stelle wie vor drei Monaten stürzten bei Gurtnellen/UR Felsmassen zu Tal und verschütteten die Bahnstrecke zwischen Erstfeld und Göschenen. Drei Bauarbeiter, welche gerade mit Felssicherungsarbeiten beschäftigt waren, wurden mitgerissen. Die Gotthardstrecke bleibt voraussichtlich mindestens einen Monat unterbrochen.

Felssturz bei Gurtnellen

Just an derselben Stelle, bei der Anfang März 400 Kubikmeter Felsen auf die Gotthardbahn herunterdonnerten, zwischen dem Bahnhof Gurtnellen und dem Spurwechsel Zgraggen im Gebiet Heimigen der Gemeinde Gurtnellen stürzten heute Morgen gegen 9 Uhr Steine auf die Nord-Süd-Transitstrecke. Da aufgrund dieses Erdrutsches Felssicherungsarbeiten im Gange waren, wurden vier Bauarbeiter von den 3000 bis 4000 Kubikmeter umfassenden Gesteins- und Geröllmassen überrascht. Ein Baggerfahrer konnte sich in Sicherheit bringen, bevor seine drei Kollegen und der Bagger mitgerissen wurden. Zwei Bauarbeiter konnten verletzt geborgen werden, der dritte bleibt immer noch vermisst. Seine Überlebenschancen sind gering, zudem kann die Bergung erst nach einer genauen Analyse des Schadensgebietes, welche mehrere Tage dauern wird, vorgenommen werden.
Die Wetterverhältnisse der letzten Tage liessen auf ein steigendes Hangrutschrisiko schliessen, wozu trotzdem solche Arbeiten abgehalten wurden, ist unklar.
Auch die Kantonsstrasse war kurze Zeit betroffen, dies vor allem wegen den Bergungsarbeiten. Von den Felsmassen wurde sie genauso wenig getroffen wie die Autobahn A2, welche im Schadensgebiet Heimigen auf der anderen Seite der Reuss verlaufen.
Weitere 500 Kubikmeter sind noch in labiler Position, sie drohen ebenfalls herunterzustürzen. Vor drei Monaten wurden aus Sicherheitsgründen 250 Kubikmeter Gestein gesprengt.

Bahnstrecke unterbrochen

Da die Felsmassen die Gotthardlinie verschütteten, bleibt diese für mindestens einen Monat zwischen Erstfeld und Göschenen vollständig gesperrt. Die Schäden an den Bahnkörpern sind enorm, Fahrleitungsmasten sind von den Steinen in Einzelteilen zerlegt worden, das Trasse verschüttet. Die ICN- und EuroCity-Züge zwischen Basel/Zürich und Lugano/Chiasso/Mailand fallen zwischen Arth-Goldau und Göschenen aus, die InterRegio-Züge zwischen Erstfeld und Göschenen. Ersatzbusse verkehren von Flüelen non-stop via Autobahn A2 nach Göschenen. Zudem wird die S3 Luzern – Brunnen ausserordentlich bis Flüelen verlängert, was in Fahrtrichtung Luzern aber für Verspätungen von bis zu zehn Minuten sorgt. Auch bei den Fernverkehrszügen sind vor allem in Fahrtrichtung Norden mit Verzögerungen im zweistelligen Minutenbereich zu rechnen. Die S-Bahn-Züge der Linie S2 zwischen Erstfeld und Baar Lindenpark verkehren normal. Der Güterverkehr wird zurückgestellt und über freie Fahrplantrassen der Lötschberg-Simplon-Achse geleitet.
Weitere Informationen sind unter den SBB-Bahnverkehrsinformationen oder der Gratis-Hotline 0800 99 66 33 zu finden.

Gegend prädestiniert für solche Vorfälle

Die Alpen sind für Fels- und Bergstürze berühmt-berüchtigt. Derjenige von Goldau/SZ 1806 mit 457 Todesopfern ist die bis heute grösste Katastrophe, welche die Schweiz jemals heimgesucht hatte. Auch in früheren und der neueren Zeit gab es solche Stürze, so Randa/VS 1991, Elm/GL 1881 oder Biasca/TI 1512. Gemessen am Volumen war wohl der Bergsturz von Flims/GR, der vor rund 9400 bis 9500 Jahren stattfand, das grösste solche Ereignis hierzulande. Das Volumen von bis zu 12 km³ schüttete den Talboden beispielsweise um rund 1500 Meter auf, der Rhein fliesst heute in der Ruinaulta-Schlucht durch die Trümmer.
Vor kurzem stürzten in Preonzo/TI bei Biasca zehntausende Kubikmeter ins Tal, weitere 500’000 drohen ebenfalls herunterzurutschen. Menschen kamen damals keine zu Schaden, weil gefährdete Gebiete vorrangig evakuiert wurden.
Auch das Gebiet der Gotthard-Nordrampe rund um Gurtnellen hat schon manchen Erdrutsch gesehen. Nebst denjenigem vom März ist vor allem der Felssturz auf der anderen Talseite der Reuss im Jahre 2006 zu erwähnen, bei dem die Autobahn A2 und die Kantonsstrasse verschüttet worden. Zwei Personen fanden damals den Tod, als ihr Auto von einem Brocken getroffen wurde.

Schutzmassnahmen gefordert

In der Gegend rund um Gurtnellen gingen bereits mehrere Felsstürze nieder. Nebst demjenigen von vergangenem März wurde beispielsweise 2006 die Autobahn A2 verschüttet, ein Auto wurde von den Felsbrocken getroffen, was zwei Menschen das Leben kostete.
Auch die Stelle des heutigen Erdrutsches soll dauerhaft gesichert werden. Es kann nicht sein, dass alle paar Monate die Gotthardbahn für mehrere Wochen unterbrochen werden muss – mit dem Tessin ist schliesslich ein ganzer Kanton davon abhängig. Bei der avisierten Sanierung des Gotthard-Strassentunnels wird dieses Argument immer hervorgebracht, also soll es auch für kurzfristige Massnahmen bei der Gotthardbahn herhalten. Auch wenn 2016 der Basistunnel eröffnet wird, der unter anderem die heutige Abbruchstelle umfährt, wird die Bergstrecke nicht zur zum Tourismus, sondern auch zum Regionalverkehr beibehalten. Auf der Talseite soll beispielsweise ein neues Gleis geschaffen werden, damit das heutige bergseitige Gleis entfernt werden kann und durch eine Betonstützmauer, welche die Felsmassen für alle Tage von der Bahnstrecke fernhalten sollen, ersetzt werden kann.

Tagesschau vom 05.06.2012
Bericht der Tagesschau des Schweizer Fernsehens zum neuerlichen Felssturz bei Gurtnellen/UR


Größere Kartenansicht
Hier stürzten die Felsmassen auf die Bahnstrecke (Quelle: Google Maps)

Links

  • Artikel von bahnonline.ch mit Fotos vom Schadenplatz
  • Beitrag des Regionaljournals Zentralschweiz von Schweier Radio DRS (MP3-Format)
  • Factsheet der SBB zur Störung am Gotthard mit weiterführenden Informationen
  • Arbeiter verschüttet: Schon wieder Felssturz am Gotthard
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