Herzschlagfinale in der Premier League

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Die Liste geschichtsträchtiger Derbys in der Fussballwelt ist nun auch für Laien um ein Kapitel reicher geworden. Nachdem Manchester City dem Stadtrivalen United am letzten Spieltag der Premier League-Saison 2011/2012 aufgrund der besseren Tordifferenz den englischen Meistertitel abgeknöpft hat, werden die zwei Begegnungen im Old Trafford und im Etihad Stadium in der nächsten Saison um mindestens eine Brisanzstufe höher sein. Obwohl die United den sicher geglaubten 20. Meistertitel auf der Zielgerade vergeben hat, muss man sagen, dass der Truppe von Sir Alex Ferguson gerade mal eine Minute zum Triumph gefehlt hat – ein Umstand, welcher den Umgangston rauer machen wird.

City in der Nachspielzeit – United wie Schalke

Nachdem Manchester United innert drei Spieltagen einen komfortablen Acht-Punkte-Vorsprung durch leichtfertiges Verhalten gegen Wigan (0:1) und Everton (4:4; nach zweimaligem Zwei-Tore-Vorsprung) und natürlich in der 0:1-Niederlage im Derby gegen City am 30. April eingebüsst hat und dem verhassten Rivalen aus Bradford den Spitzenplatz überlassen musste, glaubten auch die kühnsten Optimisten im Lager der Red Devils– bis auf Sir Alex Ferguson – nicht mehr an den 20. Meistertitel. Beide Mannschaften aus Manchester gingen mit 86 Punkten ins Rennen um den Meistertitel, City wegen der um acht besseren Tordifferenz in der Pole-Position. Nach 45 Minuten des 38. Spieltages sah es für die Citizens gut aus – ungeachtet der 1:0-Führung der United in Sunderland hatten sie die Hände am Meisterkübel, da sie gegen die Queens Park Rangers aus London ebenfalls mit 1:0 in Front lagen. Doch dann wendete QPR die Partie und führte am Ende der regulären Spielzeit mit 2:1. In der 92. Minute konnte City ausgleichen, als in Sunderland die Partie gegen die Red Devils nach 93 Minuten abgepfiffen wurde, war Manchester United Meister. Doch City „durfte“ fünf Minuten nachsitzen, was nicht nur den Ausgleich, sondern auch das Siegtor und somit den Meistertitel in der 94. Minute mit sich brachte. Eine Minute lang durften Sir Alex Ferguson und sein Team jubeln – Schalke 04 lässt grüssen.
Manchester City, das 44 Jahre auf den dritten Meistertitel warten musste, ist nach den Blackburn Rovers 1995 erst der zweite englische Fussballmeister in der Geschichte der 1992 ins Leben gerufenen Premier League, der nicht Teil der so genannten Top Four – Manchester United, FC Liverpool, Chelsea und Arsenal – ist. Dieser Zirkel ist mittlerweile am Aufbrechen, nebst City durchbrachen auch Tottenham und Newcastle in den letzten Jahren diese Dominanz. Zuletzt belegten die Mitglieder dieses Kreises am Ende der Saison 2008/2009 die ersten vier Plätze als Manchester United vor Liverpool, Chelsea und Arsenal Meister wurde.

Wachablösung in Manchester?

Mit dem Titelgewinn von City kommt sicherlich die Frage auf, inwiefern eine Wachablösung in Manchester bevorsteht. Lange war die Beziehung der beiden Clubs (Zitat Alex Ferguson: Noisy neighbours) eine einseitige, während United Titel an Titel reihte, kämpfte City oftmals gegen den Abstieg. Bis 2008, als die Citizens in die Hände saudischer Scheichs gelangten, welche den Verein mit Geld zubutterten – Stars wie David Silva, Sergio Aguëro, Yaya Touré, Samir Nasri, Mario Balotelli und Edin Dzeko sowie der italienische Trainer Roberto Mancini fanden den Weg ins Kader von Manchester City. Auch die beiden United-Spieler Owen Hargreaves und Carlos Tevez wechselten vom Westen in den Osten Manchesters. Insbesondere der Wechsel von Tevez 2009 wurde von schiefen Tönen begleitet: City stellte in der gesamten Stadt Plakate mit dem Konterfei Tevez‘ und dem Schriftzug Welcome in Manchester auf. Wohl eine Anspielung auf den Fakt, dass sich das Old Trafford auf Gebiet der Stadt Stretford befindet, während sich das Etihad Stadium (ehemals City of Manchester Stadium) innerhalb der Stadtgrenzen befindet. Wobei man anmerken muss, dass United auch in Manchester gegründet wurde – am 5. März 1878 von Mitarbeitern der Lancashire und Yorkshire Railways im Stadtteil Newton Heath und das erste Spielfeld dem Ausbau des Piccadilly-Bahnhofs, einem der beiden Hauptbahnhöfe Manchesters, weichen musste.
Die Erfolgsepoche der United ist sicherlich nicht am Ende und eine Ablösung kommt ebenso sicherlich nicht in Frage.
Trotz des erstarkten Manchester City mit dem FA Cup-Triumph 2011 und dem Meistertitel 2012 darf sich Manchester United weiterhin als Spitzenteam sehen, sie sind immerhin Rekordmeister und Rekordsieger des FA-Cups, auch wenn der letzte Gewinn dieses Wettbewerbs auch schon acht Jahre zurückliegt. Europaweit war man ja abgesehen von der peinlichen Champions League/Europa League-Kampagne 2011/2012 erfolgreicher als City und stand im 21. Jahrhundert bereits drei Mal im Champions League-Final – 2008, 2009 und 2011, wobei man 2008 den Pokal nach Manchester holen konnte. Jedoch sind nicht zu unterschätzende Schwächen bei den Red Devils auszumachen. Nebst der Leichtfertigkeit, die sie dieses Jahr den Meistertitel kostete, sind auch punktuelle Schwächen im Kader auszumachen, was sich bei vier kräftezehrenden Wettbewerben und einer fehlenden Winterpause wie in dieser titellosen Saison fatal auswirken kann. In der Verteidigung war die verletzungsbedingte Absenz von Nemanja Vidic verheerend spürbar, vor allem, weil Rio Ferdinand nicht mehr auf der Höhe seines Könnens spielte. Smalling und Jones in allen Ehren, aber die beiden sind noch ein wenig zu jung für diese Verantwortung, bei Jonny Evans ist keine Entwicklung zu sehen. Auch das Mittelfeld ist dringend zu verbessern, einen Individualisten, welcher den Unterschied ausmachen kann, fehlt im Kader der Red Devils. Nicht umsonst ist Paul Scholes von seinem Rücktritt zurückgetreten und hat seine Fussballpension wieder gegen die Schuhe eingetauscht. Im Tor hat sich David de Gea nach Schwächen in der ersten Saisonhälfte und dem zweitweiligen Verlust des Stammplatzes an den mittlerweile verletzten Anders Lindegaard zwar markant gesteigert, doch die Fussstapfen eines Edwin Van der Sar sind halt doch ein wenig gross. Einzig im Sturm hat die United dank Wayne Rooney, Danny Welbeck und Javier Hernandez keine Sorgen, es sei denn, einer der drei kolpotiert mit Wechselabsichten. Doch der Forderung nach neuen Spielerkäufen wird wohl nicht nachgekommen, denn im Gegensatz zu Manchester City oder Real Madrid sitzt die United auf keinem Geldhaufen. Zwar befinden sich auch sie in Hand ausländischer Investoren, doch der US-amerikanische Milliardär Malcolm Glazer und seine Söhne benutzen den Verein als Bank für ihr marodes Einkaufszentrenimperium und haben die Schulden, die sie sich selbst beim Kauf eingebrockt haben, dem Club überschrieben, so dass auf ihm ein Schuldenberg von etwa einer Milliarde Franken drückt. Beispiel gefällig: Von den 94 Millionen Euro, welcher die United 2009 für den Verkauf von Cristiano Ronaldo an Real Madrid erhielt, hatte Sir Alex Ferguson gerade mal deren 30 zur Verfügung, er investierte sie in Wigans Antonio Valencia, seinen heute vielleicht besten Mittelfeldspieler. Auch das Geld für die Transfers 2011, als Phil Jones, Ashley Young und David de Gea verpflichtet wurden, musste mit grosser Mühe zusammengekratzt werden – für Mittelfeldstrategen wie das Objekt der Begierde, Inters Wesley Sneijder, waren dann keine Mittel mehr vorhanden.
Einen Kritikpunkt ist hier an die Neue Zürcher Zeitung zu richten, welche sich im Vorfeld des Meisterschaftsfinales etwas herablassend über Manchester United und sehr löblich über Manchester City geäussert hat. Der United wurde Arroganz vorgeworfen und es wurde angezweifelt, inwiefern die Fangemeinde von „ManU“ wegen der titellosen Saison reduziert wird. Auch City hat seit der Scheich-Übernahme 2008 nur wegen dieser an Fans gewonnen, so genannte Modefans, die von einem Verein zum anderen pendeln. Da hat die United wohl ein wenig den härteren Kern, den Cabo Ruivo-Verfasser übrigens eingeschlossen. Auch wenn gewisse United-Akteure aufgrund ihrer ausserehelichen Beziehungen für Negativ-Schlagzeilen abseits des Rasens gesorgt haben, dürfen die Red Devils doch von sich behaupten, dass sie keinen Spieler im Kader aufweisen, der in seinem Badezimmer mit Feuerwerkskörpern spielt oder sich Juniorenspieler als Ziel für seine Dartspfeile aussucht.
Man merkt die Nähe der NZZ zur FDP in ihrem Wohlwollen zur Finanzstärke der Citizens übrigens in Bezug auf den Artikel an, egal ob solche mehr oder weniger neureichen Proletenclubs wie auch Real Madrid oder Paris-Saint Germain den Sport des Fussballs an sich zerstören. Früher gingen die Experimente solcher zusammengekaufter Starensembles schief – heute funktionieren sie, wie City und Real zeigen, PSG ist einen Spieltag vor Schluss in der Tabelle der Ligue 1 hinter dem Überraschungsleader HSC Montpellier auf Rang zwei klassiert. Übrigens eine kleine Randbemerkung: Wäre der Verfasser des Artikels so ein Experte wie er vorzugeben scheint, dann würde er sicherlich wissen, dass die Bezeichung ManU von den Anhängern der Red Devils als Beleidigung aufgefasst wird, was auf Hohn und Spott nach dem Flugzeugabsturz in München 1958 zurückzuführen ist. Anhänger von Liverpool und Leeds verhöhnten die Opfer des Unglücks mit Liedern wie Man U Man U went on a plane Man U Man U never came back again oder Man U Never Intended Coming Home. Aber Respekt ist hier wohl fehl am Platz.Die Frankfurter Allgemeine Zeitung musste sich vor ein paar Jahren entschuldigen und auf den Gebrauch von ManU verzichten – es gibt genügend andere Alternativen wie ManUnited oder Red Devils.
Sir Alex Ferguson, der die Geschicke im Old Trafford bereits seit 1986 leitet, hat sich als fairer Verlierer erwiesen und gemäss dem BBC-Onlineauftritt Manchester City zum Titel gratuliert. Am Ende gewinnt der Beste, eine Weisheit, an der es nichts zu rütteln gibt.

Arsenal in der CL, Chelsea in der EL

Auch abseits des Manchester-Zweikampfs wurden weitere Entscheidungen gefällt. Mit schon fast spanisch anmutenden 19 Punkten Rückstand auf die punktgleichen Teams aus Manchester findet sich Arsenal auf Platz drei wieder. Die Gunners konnten sich nach schwachem Saisonstart rehabilitieren und haben nun die direkte Qualifikation für die Champions League geschafft. Den vierten Rang, der für die Teilnahme an der CL-Quali berechtigt, eroberten die Tottenham Hotspurs. Das vom in Schaffhausen geborenen Italo-Schweizer Interimstrainer Roberto di Matteo hat sich sportlich genauso wie Newcastle United für die Europa League qualifiziert, der FC Liverpool geht leer aus, darf aber aufgrund seines Carling Cup-Sieges trotzdem an der Europa League teilnehmen. Sollte Chelsea das Champions League-Finale am 19. Mai gegen Bayern München gewinnen, würde der vierte englische Startplatz an sie gehen und Tottenham müsste über die Bresche springen.
Im Abstiegskampf gesellten sich am letzten Spieltag die Bolton Wanderers zu den bereits seit geraumer Zeit als Absteiger feststehenden Blackburn Rovers und Wolverhampton Wanderers. Bolton lieferte sich ein Fernduell mit Queens Park Rangers, was aufgrund deren Begegnung mit Manchester City vor allem im Lager des entthronten Titelverteidigers ManUtd. für Unmut sorgte. QPR schien sich aufzugeben, als der Ligaerhalt aufgrund dem sich abzeichnenden Remis Boltons gegen Stoke City auch mit einer Niederlage bewerkstelligt werden konnte – was die Citizens in der fünfminütigen Nachspielzeit auch ausnutzen.
Bereits bekannt sind zwei Aufsteiger aus der Championship – Reading und Southampton werden sich zu den 17 Teams, die in dieser Spielzeit den Ligaerhalt geschafft haben, dazugesellen.