Definitiv keine Neigezüge mehr für die SBB

Die SBB hat aus dem Schlamassel mit den ETR 470 konsequent den Schlussstrich unter das Kapitel Neigezüge im internationalen Verkehr gezogen. Die Züge, die im Zuge der Eröffnungen der Basistunnels am Gotthard und am Ceneri in den Jahren 2016 und 2019, für den internationalen Verkehr angeschafft werden, sollen keine Neigezüge sein, trotzdem aber eine hohe Geschwindigkeit erreichen können. Die ETR 470 werden indes zum Fahrplanwechsel 2014 ausgemustert, was die SBB zu einem zweijährigen Übergangskonzept zwingt. In den Ausschreibungsvorgaben wurde festgehalten, dass die SBB die Einführung von geschlechtergetrennten Toiletten für die neue Zugsgeneration vorsieht.

Zwei Gründe für den Verzicht

Kommt nicht selten vor: Ein ETR 470 muss abgeschleppt werden (aufgenommen am 26.12.11 in Ingenbohl)

Die SBB ist gezeichnet vom Fiasko der ETR 470. Im Wissen, dass Neigezüge auf kurvenreichen Strecken einen Vorteil haben, setzt sie voll und ganz auf “herkömmliche” Hochgeschwindigkeitszüge und begründet dies mit zwei Fakten. Einerseits könne mit solchen Zügen die Fahrplanstabilität erhöht werden, andererseits könne die angestrebte Fahrzeitenreduktion der Strecke Zürich-Mailand von heute 3 Stunden und 40 Minuten (mit Neigezug) beziehungsweise 4 Stunden und 10 Minuten (mit konventionellem Zugsmaterial) auf zwei Stunden und vierzig Minuten wegen den nicht vorhandenen Ausbaustrecken auf der Nordrampe des Gotthard-Basistunnels ohnehin nicht eingehalten werden. Die vom Bund vorgegebene Fahrzeitreduktion zwischen Zürich und Lugano um 52 Minuten kann dank den Basistunnels auch mit Lok und Wagen erreicht werden.
Deshalb werden die 29 neuen, einstöckigen Züge ohne Neigetechnik ausgestattet. In Frage für das neue Rollmaterial käme zum Beispiel der Velaro oder seine Light-Version ICx aus den Werkstätten der Siemens, der auf dem deutschen ICE3 basiert. In Spanien verkehrt der Velaro bereits, in Russland, Deutschland und China wurden Bestellungen getätigt, der Zug käme sogar unter dem Namen Eurostar 320 als Nachfolger für die heutigen Eurostar-Züge aus dem Hause Alstom in Frage. Andererseits könnte auch auf dem bewährten TGV-Modell von Alstom aufgebaut werden. Wichtig ist, dass bei den neuen Zügen auf die Qualität geschaut wird, und nicht auf die Kosten. Beim ETR 470 wurde es beispielsweise versäumt, den Zug bei Testfahrten auf Kinderkrankheiten zu testen. Er wurde gleich ins kalte Wasser geworfen, und hat jetzt in den bisherigen fünfzehn Einsatzjahren alles durcheinander gewirbelt. Trotz der Auflösung der Cisalpino AG und dem direkten Eingreifen der SBB und der Trenitalia kommt kaum ein EuroCity aus Mailand pünktlich in Zürich an. Die ETR 470 verkehren heute ausschliesslich auf der Gotthard-Achse, durch den Simplon nach Basel und Genf verkehren die Züge der zweiten Cisalpino-Generation, der 2007 ausgelieferte ETR 610.

Getrennte Toiletten
Genaue Eckdaten bezüglich Zuglänge und auch das Design sind unbekannt, vor allem letzteres nicht, weil die Submission erst gerade begonnen hat. Jedoch hat die SBB ein paar Wünsche für die Ausschreibung definiert. So werden neu getrennte Toiletten für Männer und Frauen in den Zügen installiert, die Kabinen sollen jeweils nebeneinander zu stehen kommen. Funktionstoiletten für beide Geschlechter, wie heute Usus, sollen weiterhin in den Zügen anzutreffen sein, insbesondere bei rollstuhlgängigen Toiletten. Die letzten Züge ohne Unisex-WC waren die für das TransEuropExpress-Netz nach Italien, Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden beschafften Vierstromzüge des Typs RAe TEE II, welche später zu RABe EC umgebaut wurden und wegen ihrer neuen in Grautönen gehaltenen Lackierung mit dem Übernamen Graue Maus versehen zunächst noch EuroCity-Dienste zwischen Zürich, Mailand und Stuttgart verrichteten, ehe sie aufgrund von sich häufenden Materialschäden zu TGV-Zubringer-Zügen Bern-Neuenburg-Frasne (-Dôle) degradiert wurden, bis sie in den 1990er-Jahren endgültig aus dem Verkehr gezogen wurden. Der Triebzug 1053 ist im historischen Erbe der SBB, SBB Historic als Museumszug erhalten geblieben, aber ob die WC-Trennung noch ersichtlich ist, scheint fraglich.

Bye Bye ETR 470 im Jahre 2014

Gehört bald der Vergangenheit an: Ein ETR 470 auf dem Schweizer Schienennetz

Wenn im Jahre 2014 der Fahrplanwechsel stattfindet, werde ich höchstpersönlich einen Sekt aufmachen. Denn dann ist es so weit: Die Schrottkisten namens ETR 470 werden ausgemustert und somit von unseren Schienen verschwinden. Fertig ist’s dann mit der Ausfallerei und den Verspätungen! Endlich ist es möglich, dass Züge wieder pünktlich an ihren Bestimmungsorten eintreffen. Mit den ETR 470 war ja man glücklich, wenn man überhaupt ankam! Doch weil die neuen Züge erst ab 2016 dem Verkehr übergeben werden (die Serie ist mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels 2019 vollständig ausgeliefert) , ist bei den SBB für die zweijährige Lücke eine Übergangslösung gefragt.
Möglich wäre der Einsatz von konventionellem Zugsmaterial (Lokomotive und Waggons), was heute bereits bei einem täglichen Zugspaar zwischen Zürich HB und Milano Centrale praktiziert wird. Zwar ist die Reisezeit mit 4 Stunden und 10 Minuten eine halbe Stunde höher als mit den Neigezügen, da diese am Gotthard bogenschnell fahren können, doch die Fahrplanstabilität ist weitaus höher.
Die andere Lösung wäre, die ETR 610 am Simplon und Lötschberg durch lokbespannte Züge zu ersetzen und die Neigezüge stattdessen am Gotthard einzusetzen. Dank des Lötschberg-Basistunnels haben die Züge auf dieser Achse keine Kehrtunnels mehr zu bezwingen, im Rhonetal trafen die schon gar nicht mehr auf, nur auf der Simplon-Südrampe zwischen Iselle und Domodossola sind Kehrtunnels und Kurven häufig anzutreffen. Ganz anders auf der Gotthard-Bergstrecke: Hier wimmelt es nur so von Kehr- und Spiraltunnels, also sind hier Neigezüge notwendiger als am Simplon. Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels wird der gesamte Fernverkehr durch diesen laufen, somit würden auch Neigezüge hier überflüssig.

Sucht man auf der Gotthardachse vergebens: ETR 610 bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Montreux

Der ETR 610 erhielt zunächst keine Zulassung am Gotthard, dann nur eine beschränkte, und als er vom Bundesamt für Verkehr die endgültige Erlaubnis zum Fahren inklusive Neigetechnik hatte, zogen ihn die SBB wieder vom Gotthard ab und ersetzte ihn durch einen ETR 470. Der ETR 610 verkehrte als tägliches Zugspaar von Basel über Luzern und Mailand nach Venezia Santa Lucia, nun ist der Zugslauf seit Mitte Dezember bis Milano Centrale zurückgekappt worden.

Die im Verlauf des ersten Quartals 2012 angekündigte Ausschreibung wäre die zweite grosse der SBB innert weniger als zwei Jahren. Im Mai 2010 konnte sich Bombardier für die neuen Inland-Fernverkehrsdoppelstockzüge durchsetzen. Diese Züge sollen ab 2013 zum Einsatz kommen, nebst im nationalen Verkehr können sie auch im Verkehr nach Deutschland (Stuttgart, München) oder Österreich eingesetzt werden. Auch am Gotthard steht eine zukünftige Nutzung für die InterCitys zur Diskussion, so dass beide Fahrzeugtypen durch den Basistunnel rollen werden.

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  5. die züge aus mailand sind nicht nur wegen dem etr 470 verspätet sondern wegen dem überlasteten knotenpunkt um mailand.
    das problem scheint teilweise geläst zu sein und siehe da,
    jetzt fahren sie pünktlich.
    hackt nicht immer auf den pendolino herum!

    • Danke für den Kommentar.
      Erstens wird nicht auf den Pendolinos rumgehackt, sondern anhand von Fakten gearbeitet.
      Es ist eine leichte Verbesserung zu spüren, trotzdem verenden viele Züge bereits in Goldau oder sind zu spät. Man mag zwar die Situation in Mailand entschärft zu haben, trotzdem weisen die ETR 470 weiterhin eine überdurchschnittliche Verspätungsquote auf, die auf eigenes Unvermögen zurückzuführen ist. Insbesondere die Züge der Trenitalia sind in einem horrenden Zustand, von fünf Zügen ist gerade mal einer einsatzbereit, ein zweiter kann nur noch unter Gleichstrom fahren, die restlichen drei sind ausser Betrieb.
      Die Brandfälle sind sicherlich auch nicht auf den Knoten Mailand zurückzuführen…
      Jedoch ist der ETR 470 auch ein wenig in Schutz zu nehmen: Es wurden kaum Probe- und Testfahrten unternommen, er wurde nahezu sofort in den fahrplanmässigen Betrieb ausgeführt.

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