Achtung: Ab morgen gilt Billetpflicht!

Wer das Lösen seines Bahntickets vergessen hatte, konnte bisher gegen einen Zuschlag in den Fernverkehrszügen der SBB die Fahrkarte noch beim Kondukteur nachlösen. Doch damit ist jetzt Schluss: Per Fahrplanwechsel 2011, sprich morgen, schafft die SBB den Billetverkauf in den Fernverkehrszügen ab. Doch ist das unbedingt nötig?

Kein Verkauf an Bord der Züge mehr möglich
Am morgen Sonntag ist es nicht mehr möglich, im InterCity, ICN, EuroCity oder InterRegio ein Billet beim Schaffner zu lösen. Die Fernverkehrszüge mutieren damit zu Selbstkontrollenzügen, wo sie den Regional- und S-Bahn-Zügen Gesellschaft leisten kann. Wer kein Billet hat, bekommt einige Tage später dicke Post aus Bern mit einem schönen Einzahlungsschein drin, auf dem eine Neun mit einer folgenden Null prangen wird. Auch Graufahrer (Halbtax statt ein Ganzes gedrückt) oder Inhaber eines Zweitklassbillets, die sich in der ersten Klasse aufhalten, werden zur Kasse gebeten, wenn auch zu einem tieferen Preis, der trotzdem noch total überteuert ist. Ebenfalls erhält eine Rechnung der SBB, wer den Nachtzuschlag nicht bezahlt hat. Selbst Inhaber eines nicht gerade billigen GA’s sind zum Bezahlen dieses Zuschlags verpflichtet. Und diese Angelegenheit ist eine Geschichte für sich. Aber dazu später mehr, um es in typischer Ted Mosby-Manier zu sagen.

Ständiger Abbau des Service
Da die SBB unter den Fuchteln ihres Chefs Andreas Meyer langsam aber sicher zu einer (zu) gewinnorientierten – nein besser ausgedrückt: geldgeilen Instutution ungewandelt wurde und auch die Arbeitsbedingungen oftmals zu wünschen übrig lassen, lässt sie nichts unversucht, an allen Ecken und Enden zu sparen. An etlichen Bahnhöfen werden Schalter geschlossen, der absolute Gipfel stellt den Bahnhof von Baar dar: Erst 2008 hat die SBB dort im neuen Bahnhofsgebäude ein Reisezentrum eröffnet, nur um es drei bis vier Jahre später wieder zu schliessen. Nachdem bei den SBB bereits in Sachen Wartung der Schlendrian eingesetzt hat (man beachte die zahlreichen Lokstörungen), wird nun auch im Service der Rotstift angesetzt. Beim Bus darf beim Chauffeur ein Billet erwerben, warum ist das nicht bei der Bahn mehr möglich?
Auch die geplanten Preisaufschläge sind bei weitem nicht gerechtfertigt, denn das Angebot ist beispielsweise auf der Gotthardstrecke mehr als nur dürftig. Weil hier weder Zürich mit Bern, Zürich mit Basel oder Basel mit Bern verbunden wird, hat diese Strecke für die SBB keine Priorität. Zwar kommen moderne RABDe 500 als ICN zum Einsatz, doch das Rollmaterial der InterRegios lässt oft zu wünschen übrig, obwohl es in letzter Zeit stark gebessert hat. Von den pannenanfälligen ehenaligen Cisalpinos ganz zu schweigen. Die neuen und einigermassen zuverlässigen ETR 610 setzen die SBB nun ausschliesslich auf der Simplonachse ein, für die Gotthardachse stehen wieder mal nur die als Schrottkisten bekannten ETR 470 zur Verfügung, zudem wird ein Zugspaar Zürich-Mailand gestrichen.

Billetautomaten sind nicht ganz ohne

"Was soll ich hier denn bitteschön auswählen?" - "Du da am Automat, mach mal vorwärts! Der Zug fährt in fünf Minuten!"

Je mehr Schalter geschlossen werden, desto mehr sind die Bahnkunden auf die Billetautomaten angewiesen. Doch diese können sich teilweise als sehr tricky erweisen. Ich kam auch mal in Genuss einer Busse, weil ich den Nachtzuschlag nicht gelöst habe. Dieser wäre in einem zweiten Vorgang nach dem Kauf des normalen Billets zu erwerben gewesen, doch der betreffende Eintrag auf den mit hässlichen fettigen Fingerabdrücken übersäten Touchscreen war sehr versteckt gehalten, zudem wäre für das Lösen des Nachtzuschlags – warum gibt es den überhaupt? – ein Doktortitel in Sachen Informatik vonnöten gewesen, um die komplizierte Struktur zu verstehen. Toll. Und das, wenn sich hinter eine eine Schlange bildet… Viele Menschen sind den Umgang mit den SBB-Billetautomaten nicht gewohnt, selbst für mich als geübter Nutzer stellte das eine Schwierigkeitshürde dar. Eine kleine Kostprobe gefällig?

Relativ unauffällig präsentiert sich das Menü für Nachtzuschläge - die meisten klicken wie gewohnt nur auf die Destination in der linken Spalte

Eine andere Frage: Muss man jetzt eine halbe Stunde vor Zugsabfahrt jeweils am Bahnhof sein, damit man rechtzeitig zum Zug kommt, weil entweder 40 andere Leute ebenfalls ein Billet lösen wollen, oder weil man so viel drücken und suchen muss? Man kommt an den Bahnhof, eine Schlange vor dem Billetautomaten – man muss den in naher Zukunft einfahrenden Zug unbedingt erwischen – na was macht man da? Man besteigt den Zug. Ist es nicht auch möglich, dass man den falschen Zug besteigt? Sehr gut möglich ist das im Bahnhof Arth-Goldau, wo am selben Perron der ICN/EC Richtung Lugano (-Mailand) ohne Halt bis Bellinzona und der InterRegio nach Locarno mit seinen acht Zwischenhalten zur fast selben Zeit abfahren? Es ist nicht selten vorgekommen, dass Reisende mit den Fahrtzielen Schwyz, Brunnen, Flüelen oder Erstfeld in den falschen Zug gestiegen sind und non-stop ins Tessin gerauscht sind. Der Kondukteur verkaufte dem Tollpatsch jeweils ein Billet bis Bellinzona an Bord des Zuges – vielfach fielen für den Reisenden überhaupt keine Kosten an. Mit dem ist jetzt auch Schluss, der Service der SBB nimmt rapide ab. Eine solche Irrfahrt schlägt ab morgen mit 10 Franken zu Buche. Klar kann man die Anzeigetafeln auch lesen, aber in der Hitze des Gefechts ist das schnell passiert. Zwar können sich die Zugbegleiter weiterhin als kulant erweisen und bei Ausnahmefällen Gnade walten zu lassen. Diese beiden Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter in meinem Falle haben es sichtlich genossen, dem halben Zug eine Busse aufzubrummen, aber egal. Ich hoffe nur, dass die aus meiner Kohle etwas sinnvolles anstellen werden.

Hanspeter Burri (Mike Müller) erklärt die Tücken des SBB-Billetautomaten

10 Millionen unbezahlte Bussen
Gerade gestern flimmerte in der SF-Sendung 10vor10 einen Beitrag über die Mattscheibe, der besagt, dass jährlich rund 10 Millionen Franken an Bussengeldern der SBB nicht bezahlt werden. Klar ist es okay, wenn absichtliche Schwarzfahrer zur Kasse gebeten werden, doch meistens trifft es die Falschen. Sogar der Eisenbahnerverband kritisiert den Entscheid der SBB-Chefetage, vor allem aus Angst vor Angriffen der Fahrgäste. Die SBB ist auch selber schuld, sie könnte ja das Personalkontingent der Kondukteure aufzustocken: Als bekannte Schlupflöcher erweisen sich die Einheitswagen IV, die als Verstärkungswagen an die doppelstöckigen IC2000-Wagen gekoppelt wurden und aufgrund des IC2000-Steuerwagens nicht durchgehend mit dem gesamten Zug verbunden sind.
Selbstverständlich möchte ich euch den Beitrag nicht vorenthalten?
10vor10 vom 09.12.2011
Kritik wurde zum Beispiel geäussert, dass die SBB nicht das Geld mit mehr Kunden einholen will, sondern mit weniger Aufwand. Dem wurde von Seiten der Staatsbahn entgegnet, dass der Service gar ausgebaut wird: Beispielsweise mit Steckdosen oder WLAN. WLAN? Wo? Genau, erst ab 2013 werden mit den Bombardier TWINDEXX erstmals Züge verkehren, die mit Wireless LAN ausgerüstet sind. Ob das Surfen gratis ist, ist noch unklar. Bestehende Zugskomposititionen, wie die EW IV-Wagen, die RABDe 500 oder die IC2000-Doppelstockzüge werden nachgerüstet. Doch zur Zeit hinkt die Schweiz in dieser Hinsicht vielen Bahnen hinterher, die in ihren Zügen bereits drahtloses Internet anbieten. Auch die erwähnten Steckdosen sind jedoch nur an vereinzelten Orten zu finden, meistens in den Einheitswagen der ersten Wagenklasse.

Links

  • Blogeintrag von Sara Stalder, ihres Zeichens Chefin der Stiftung für Konsumentenschutz
  • Definition einer Irrfahrt auf schweizweit.net
  • Achtung: Ab morgen gilt Billetpflicht!
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