Die Kacke ist sprichwörtlich am Dampfen…

Wer sich in den letzten Tagen Nachrichten im Fernsehen, in den Zeitungen oder im Internet reingezogen hat, ist um dieses eklige Thema nicht herumgekommen: Bauarbeiter werden von menschlichen Exkrementen getroffen. Ach, sicherlich weit weg von hier. Ja, genau 59 Minuten Bahnfahrt von just dem Ort entfernt, an dem ich gerade diese Worte in die Tastatur meines Notebooks hämmere: Im Hauptbahnhof Zürich. Die Arbeiter des sich in Bau befindlichen Tunnelbahnhofs Löwenstrasse werden von Fäkalien getroffen, die aus geöffenten Plumpsklos von SBB-Rollmaterial der älteren Generation getroffen. Die Gewerkschaft UNIA ist nun deswegen in den Streikzustand getreten.
Herr Andreas Meyer, wie weit wollen Sie denn noch gehen? Solch unhygienische und menschenunwürdige Zustände sind in einem ach so zivilisierten Land überhaupt nicht tragbar! Wir lassen uns nicht verscheissern!

Auch Tampon war darunter
Um jetzt jeden Leser mal zu ekeln, möchte ich die miserablen Arbeitsbedingungen am von 20 Minuten als Kot-Baustelle getauften Arbeitsplatz aufzeigen: Unter den Gleisen 11 bis 14 der HB-Haupthalle werden zur Zeit die Arbeiten für die geplante Unterführung Gessnerallee – die an den bereits errichteten Zugängen auf den Bahnsteigen der Haupthalle erkennbar ist – ausgeführt. Die Baugrupe ist notfürftig mit Brettern zugedeckt, die jedoch Lücken und Ritzen haben. Fährt jetzt also ein Zug mit Wagen älteren Semesters, so die Einheitswagen I und II sowie die RIC-Wagen mit Gusseisenbremsen, in den Bahnhof ein, kann es sein, dass Urin, Kot und Wasser aus den Klos durch die Bretter zu den Arbeitern dringen. Nicht nur die Menschen am Bauplatz werden getroffen, auch Werkzeug oder Bewehrungseisen sind verschmutzt. Bereits letzte Woche hat die UNIA zum Streik aufgerufen, den nach einer Versprechung der SBB, die Klos bei der Einfahrt in den HB abzusperren, abgesagt. Offenbar hat sich die SBB nicht daran gehalten, denn gestern Montag traten die rund 20 Arbeiter erneut in den Ausstand, bis Freitag wurde die Arbeit niedergelegt. Und nicht nur die Überbleibsel menschlicher Nahrungsaufnahme hätten den Weg in die Baugrube der Durchmesserlinie gefunden, sondern blutgetränktes Toilettenpapier oder ein Tampon. Und zwar ohne Frau auf der anderen Seite der Schnur wie bei den Miss-Schweiz-Wahlen.
Ironie des Schicksals ist, dass das für die Bauarbeiter nächstgelegene WC in 300 Meter Entfernung von der Baustelle angelegt ist. Gemäss den Arbeiter würden sie entlassen, wenn man sein Geschäft an Ort und Stelle verrichten möchte.
Die Gewerkschaft hat mit Flyern die Passanten am HB auf sich aufmerksam gemacht, die SBB und die Bahnpolizei ihrerseits haben Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstattet. Auf den Flyern ist zudem die Natelnummer von SBB-Chef Andreas Meyer verzeichnet, begleitet von der Aufforderung, ihn per SMS zu Verbesserungen aufzufordern. Gemäss den SBB seien viele solche Kurznachrichten eingegangen, die von Meyer persönlich beantwortet wurden.

Was könnte man da machen?

Alfred Escher wäre wohl nicht sonderlich glücklich über die Vorgänge in "seinem" Hauptbahnhof

Eine dumme Frage. Vielleicht mal moderne Klos in ALLEN Zügen einsetzen, wie das von den Verantwortlichen der SBB schon seit Jahren gross versprochen wird. Züge, welche die Neubaustrecke Mattstetten-Rothrist und den Lötschberg-Basistunnel befahren, müssen ausschliesslich aus Rollmaterial bestehen, das mit geschlossenen WC-Systemen ausgestattet ist. Aber leider gibt es ja noch anderes Rollmaterial, das längst ins Museum gehört. Zwar gibt es Aufforderungen, die Zugstoilette während eines Haltes in einem Bahnhof nicht zu benutzen, doch die Züge fahren auch an Bahnhöfen durch. Oftmals sieht es man, wie Urin oder Wasser den Waggonwänden entlang rinnt und aufgrund der Geschwindigkeit in alle Richtungen sprüht. Die betreffenden vier Gleise werden zwar von IC2000-Doppelstockzügen und ICN benutzt, aber auch von InterRegios der Laufwege Biel-Konstanz und Basel-Chur. Vor allem letztere Zugläufe werden wie diejenigen der Gotthardlinie mit älterem Zugsmaterial geführt, die noch Plumpsklos aufweisen. Ab Mittwoch sollten dann von Biel nach Konstanz ausschliesslich Züge mit geschlossenen WC’s verkehren. Das ist schon mal ein Anfang, doch noch längst nicht genug. So sind im Bahnhof Zürich alle Toiletten auf privatwirtschaftlicher Basis von McClean betrieben und deshalb kostenpflichtig. Einmal Wasserlassen schlägt mit einem Franken zu Buche.
Immerhin wird die SBB den Streikenden entgegenkommen und die undichten Stellen vollständig abdichten.

Es reicht, Herr Meyer!
Seit dem Amtsantritt von Andreas Meyer als SBB-Chef geht es mit den SBB im wahrsten Sinne des Wortes in die Scheisse. An allen Ecken und Enden wird gespart, während Ticketpreise erhöht werden. Auch Kundenservice geht verloren, wie die Möglichkeit, das Billet im Zug nachzulösen. Wenn die Schalteröffnungszeiten immer kürzer werden, oder immer mehr Bahnhöfe unbedient werden, da entstehen Schlangen an den Billetautomaten und diese Geräte sind ja wahrlich nicht ganz einfach zu bedienen, da kann schon eine Schlange entstehen. Und nicht selten sind sie ja auch noch zu allem Überdruss kaputt, da kommt man nicht drum herum, ohne Fahrausweis den Zug zu betreten. Viele pensionierte SBB-Arbeiter sind froh, den wohlverdienten Ruhestand noch zu Zeiten von Meyers Vorgänger Benedikt Weibel erreicht zu haben. Was war eigentlich Meyers Job vor dem Chefsessel auf der Schanze in Bern? 2004 wurde er zum Chef von DB Stadtverkehr erkoren, der für die S-Bahnen in Berlin und Hamburg zuständige Teilbereich der Deutschen Bahn AG. Und was ist da passiert? Genau, 2005 hat Meyers Abteilung massiv eingespart, so unter anderem in Berlin drei der sieben Hauptwerkstätten des Systems geschlossen. Bei der Wartung der Züge wurde massiv geschlampt, bis zu drei Viertel der gesamten Flotte fiel aus, nachdem 2009 der ganze Schlamassel ans Licht gekommen war, als in Kaulsdorf das Rad eines Wagens der DB-Baureihe 481 brach. Das deutsche Eisenbahn-Bundesamt ordnete daraufhin die Überprüfung aller Züge auf Mängeln an, die nicht fristgerecht kontrolliert wurden. 75% ist da eine ziemlich hohe Quote. Zur Normalität zurückkehren wird der Berliner S-Bahnbetrieb gemäss Angaben des Senats erst 2013.
Ich möchte Herrn Meyer jetzt nicht der Schuld an dieser Krise bezichtigen, doch gehörte er der Geschäftsleitung der DB an und war gar Vorsitzender des betroffenen Geschäftsbereichs, als die ganzen Sparmassnahmen losgingen. Und wenn man seine bisherigen Tätigkeiten bei den SBB ansieht, ist der Gewinn das oberste Ziel der Bahnen geworden. Es ist egal, ob Züge chronische Verspätungen aufweisen oder gar in Brand geraten (ETR 470, ja du bist gemeint!), Hauptsache, man schüttet Gewinn aus. In den neuen Stadler-Doppelstockzügen der Marke KISS für die Zürcher S-Bahn wird in der zweiten Wagenklasse gar auf Abfalleimer verzichtet. Hauptsache, die oberen Herren müssen es nicht reinigen.
Gerade diese Woche wurde bekannt gegeben, dass am SBB Cargo-Hauptsitz in Basel 200 Stellen gestrichen werden. Dass man so in die Gewinnzone zurückkehrt ist zwar möglich, aber unmenschlich. Die BLS betreibt ihre Güterverkehrssparte BLS Cargo höchst erfolgreich, und warum? Sie hat eine Partnerschaft mit der Deutschen Bahn (DB Schenker) und deren norditalienischen Tochter NordCargo.
Aber auf politischer Seite wird nicht interveniert, dafür werden für eher unnötige Strassenprojekte Berge versetzt.

Siehe auch

  • Liebe SBB, HIER besteht Handlungsbedarf
  • Schweiz aktuell vom 18.10.2011
    Beitrag von Schweiz Aktuell des Schweizer Fernsehens

    Die Kacke ist sprichwörtlich am Dampfen…

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