Sommerserie Architektur: Teil 3: Canary Wharf, London

Im dritten Teil der Architektur-Sommerserie 2011 stellt Cabo Ruivo erstmals nicht ein einzelnes Gebäude, sondern einen ganzen Stadtteil vor. Auf der Isle of Dogs entstand an Stelle von stillgelegten Hafenanlagen ein modernes Geschäftsviertel, das im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Canary Wharf oder Docklands bezeichnet wird, obwohl der Begriff Docklands für alle Hafenanlagen Londons gilt. Ein Grossteil der Bebauung wurde in Hochhausform angelegt, so befindet sich auch das höchste Gebäude Grossbritanniens auf der Isle of Dogs. Als Verbindung zur City wurde in verschiedenen Etappen eine führerlose Stadtbahn errichtet.

Früher wurden in den West India Docks oder am Millwall Dock ein reger Warenumschlag betrieben. Als jedoch die Schiffe immer grösser wurden und keinen Platz mehr zum Abfertigen in den Docks hatten, wurden Londons Hafenanlagen immer mehr in Richtung Themsemündung nach Tilbury oder Southend verlegt. Zahlreiche Quadratkilometer Land lagen nun brach. Sofort nach den Schliessungen kamen Pläne einer Umnutzung der Docks auf, in den 1980er und 1990er Jahren wurden zahlreiche Flächen durch Geschäfts- und Wohnsiedlungen überbaut. So entstand auch der Millenium Dome (heute O2) auf einer Freifläche in North Greenwich. Prunkstück der gesamten Überbauung ist der Bürokomplex Canary Wharf, in dem die drei damals höchsten Gebäude Grossbritanniens errichtet wurden und wo sich zahlreiche Unternehmen vor allem aus der Finanzindustrie, wie Credit Suisse, Barclays, HSBC oder Citigroup, niedergelassen haben. Wichtige Niederlassungen in Canary Wharf haben zudem der US-Ölkonzern ChevronTexaco und die US-Nachrichtenagentur Thomson Reuters.

Übersicht über einzelne Gebäude

In diesem Abschnitt werden einige der wichtigsten Gebäude des Canary Wharf-Komplexes faktisch und architektonisch näher vorgestellt.

One Canada Square

Der vermutlich bekannteste Bau in Canary Wharf ist der One Canada Square, umgangssprachlich als Canary Wharf Tower bekannt. Der nach Plänen des Stararchitekten César Pelli errichtete Wolkenkratzer wurde 1991 fertig gestellt und ist zur Zeit mit einer Höhe von 236 Metern das höchste Gebäude Grossbritanniens. Der momentan noch im Rohbauzustand stehende Shard London Bridge wird One Canada Square bei seiner Fertigstellung im Mai 2012 mit einer Höhe von 310 Metern überholen. Im Untergeschoss des Turms befindet sich ein gleichnamiges Einkaufszentrum, jedoch ist der Turm selbst nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Dachrestaurant oder zumindest eine Aussichtsplattform vermisst man schmerzlich.

Der 50 Stockwerke umfassende Turm ist architektonisch gesehen in drei Einzelteile getrennt. Der weitaus grösste Teil umfasst ein quadratähnlicher Sockel, dessen Ecken jedoch nicht ganz bis zu den Rändern herausgezogen sind. Darauf aufgesetzt ist ein würfelförmiges Gebilde, das ebenfalls noch Stockwerke beinhaltet, jedoch nicht mehr eine ganz so grosse Etagenfläche wie der Sockel umfasst. Zuoberst aufgestetzt ist eine Pyramide. In der Pyramide sind haushaltstechnische Einrichtungen untergebracht und auf dem Dach ist ein blinkendes Licht zur Identifikation des Turmes für Flugzeuge angebracht, das selbst in einer Entfernung von 32 Kilometern gesehen werden kann. Der Turm ist fast identisch mit dem ebenfalls von Pelli zu Papier gebrachten, in den späten Achtzigerjahren vollendeten Three World Financial Center in New York; nebenbei berief sich der Stararchitekt eigenen Angaben nach auch auf Big Ben. Für den Bau wurden 27’500 Tonnen Stahl verwendet. Bei der Aufrichte im November 1990 war die damalige Premierministerin Margaret Thatcher zugegen, offiziell eröffnet wurde das Gebäude im August 2011 durch Prinz Philip.

Beim Film Johnny English wurde der Turm dupliziert, in einem ist ein Krankenhaus untergebracht, im anderen die Konzernzentrale von Pascal Sauvages Gefängnisimperium.

Früher stand der Turm alleine da, heute befindet er sich in munterer Gesellschaft und hat den grossen Teil seiner Auffälligkeit verloren. Flankiert wird er dabei von den jeweils dritthöchsten Gebäuden Grossbritanniens, 8 Canada Square und 25 Canada Square. Dazwischen gedrängt hat sich der im Frühjahr 2011 fertig gestellte Heron Tower in der Londoner City.

Spöttisch bekam der Turm den Übernamen London Space Center verpasst, da der grösste Teil der Büroflächen nach der Errichtung frei blieben und es teilweise bis heute sind. Aktuell (Stand: Mai 2011) sind nur 35% der Fläche vermietet.

8 Canada Square

8 Canada Square, oder nach seinem Hauptmieter HSBC Tower genannt, ist 200 Meter hoch und damit das dritthöchste Gebäude Grossbritanniens. Der Bau wurde von Sir Norman Foster geplant. Er verfügt über einen quadratische Grundriss, der an den Ecken jedoch abgerundet wurde. Der Bau des 45 Stockwerke umfassenden Wolkenkratzer begann 1999 und wurde 2002 nach drei Jahren Bauzeit vollendet. Insgesamt wurden beim Bau 4900 Glasplatten angebracht. HSBC betreibt im Turm seinen Konzernhauptsitz und konnte so erstmals seit dem Umzug der Zentrale von Hongkong nach London 1993 alle Arbeitsplätze an einem Ort zentralisieren. Foster hatte bereits den Hongkonger Hauptsitz geplant. HSBC verkaufte den Turm 2007 an die spanische Metrovacesa und kaufte ihn bereits 2008 wieder zurück, um ihn nur ein Jahr später für knapp 800 Millionen Pfund an die National Pension Service of Korea zu veräussern. Im Gegenzug mietete HSBC den Turm dann zurück.

Genauso wie One Canada Square ist der Turm für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, jedoch ist sein Untergeschoss Teil des Einkaufszentrums, das auch die unterirdischen Etagen von One Canada Square umfasst.

25 Canada Square

25 Canada Square in Canary Wharf


Der zusammen mit dem 8 Canada Square drittgrösstes Gebäude Grossbritanniens, der 25 Canada Square, beherbergt die Londoner Niederlassung des US-Finanzriesen Citigroup und ist dementsprechend auch unter dem Namen Citigroup Centre bekannt. Er ist sowohl in der Höhe (200 Meter) als auch in der Anzahl Stockwerke (45) mit dem HSBC Tower identisch. Genau gesagt besteht das Citigroup Centre aus zwei Teilen: Dem CGC1 mit der Adresse 33 Canada Square mit einer Höhe von 105 Metern und dem 200 Meter hohen CGC2 auf der Parzelle 25 Canada Square. CGC1 wurde von Sir Norman Foster entworfen, CGC2 von César Pelli. Seitdem die Citigroup den Komplex 2007 an eine Investorengruppe verkauft hatte, bezahlt sie jährlich knapp 47 Millionen Pfund Miete. Der Komplex verfügt nebst den Haupteingängen am Canada Square und an der Upper Bank Street über unterirdische Verbindungswege zum Einkaufszentrum unter One Canada Square und zur U-Bahnstation Canary Wharf der Jubilee Line. CGC2 ähnelt im Grundriss und in der Form stark dem ebenfalls von Pelli geplanten One Canada Square, besitzt aber in Gegensatz zu diesem eine Glasfront und keine Pyramide.

DLR-Station Canary Wharf

Die im November 1991 eröffnete Station der führerlosen Stadtbahn, der Docklands Light Railway, liegt unmittelbar neben One Canada Square und ist in dessen Einkaufszentrum integriert. Jedes der drei Gleise ist auf beiden Seiten an Bahnsteigkanten angeschlossen, so dass das Ein- und Aussteigen schneller vorangehen kann. Über die Station ist ein elliptisches Glasdach gespannt worden.

U-Bahn-Station Canary Wharf

U-Bahnstation Canary Wharf

Die U-Bahnstation Canary Wharf wurde im Zuge der Jubliee Line-Erweiterung nach Stratford im Jahre 1999 dem Verkehr übergeben und war von Beginn an als Prestigeobjekt der Erweiterung angesehen worden. Entworfen wurde sie von Sir Norman Foster. Der Zugang zur Verteilerebene erfolgt von der Erdoberfläche durch zwei halbrunde Eingänge, die an einen Flugzeughangar erinnern. Die Station ist trotz desselben Namens nicht mit der DLR-Station direkt verbunden, sodern nur per Einkaufspassagen oder einem oberirdischen Fussweg. Mit jährlich 41,5 Millionen Fahrgästen (Stand 2010) wird Canary Wharf von mehr Reisenden frequentiert als die meisten Stationen im Londoner Stadtzentrum wie Piccadilly Circus oder Leicester Square.

Verkehr

Docklands Light Railway

Ein grosses Problem zu Beginn der Bauarbeiten war die mangelhafte Anbindung Canary Wharfs ans öffentliche Verkehrsnetz Londons. Abhilfe wurde mit dem Bau der Docklands Light Railway (DLR), einer führerlosen Stadtbahn, geschaffen. Sie verbindet die City (Endstationen Bank und Tower Gateway) und die Stratford-Bahnhöfe mit Canary Wharf, Greenwich und Beckton, aber auch mit dem gegenüberliegenden Themseufer (Lewisham und Woolwich). Seit 2007 verfügt der London City Airport über eine Station an der DLR.

U-Bahn

Da die DLR trotz Erweiterungsmassnahmen an ihrer Kapazitätsgrenze operierte und eine Entlastung dringend notwendig war, wurde die Jubilee Line von Green Park über die Bahnhöfe Waterloo und London Bridge, Canary Wharf, North Greenwich und West Ham nach Stratford verlängert. Nach rund neunjähriger Bauzeit wurde die Erweitungerung 1999 dem Verkehr übergeben.

Flugverkehr

In der Nähe Canary Wharfs liegt der 1990 in Betrieb genommene London City Airport, ebenfalls auf einem stillgelegten Dock erbaut. Durch seine Nähe zu Canary Wharf und der City erfreut er sich vor allem bei Geschäftsleuten grosser Beliebtheit, kann aber wegen seiner kurzen Start- und Landebahn nur von kleineren Flugzeugen angeflogen werden. Der grösste zulässige Flugzeugtyp ist der Airbus A318. Die Verkehrsanbindung erfolgt seit 2006 mit der Docklands Light Railway, zuvor war er nur mangelhaft ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen.

Warum Canary Wharf in die Sommerserie gehört

Canary Wharf gehört bei London-Aufenthalten einfach zum Standard-Programm, denn es ist ein hervorragendes Beispiel für die Stadtentwicklung. Nicht nur die Hochhäuser an sich sind faszinierend, auch das Zusammenspiel zwischen Wasser, Beton und den Häusern. Man fühlt sich nie wirklich in einer Stadt, denn das Quartier verfügt über keinen grossen Autoverkehr.

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